Schwerpunkt Allgemeines

22. März 2002, 12:58
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"Masterplan Records" nennt sich das jüngste Vehikel von Sebastian Brauneis. Der in Wien stadtbekannte Fernsehmoderator der etwas anderen Sorte im Porträt

"Guten Tag, ich heiße Sebastian Brauneis, bin 23 Jahre alt und in Favoriten aufgewachsen, wo es immer sehr schön war", spricht der Mann im Schnürlsamt-Sakko höflich ins Aufnahmegerät und verfällt sofort ins Vieltexten: "Bei mir verhält es sich so, wie es Andy Warhol einmal beschrieben hat: Nicht der Mensch schaltet die Kamera ein, sondern die Kamera den Menschen." Und sei's nur ein Mikrofon.

Herzlosigkeit und Quotenfixiertheit

Wiener Menschen mit Hang zur Clubszene kennen den Mann mit dem dandyhaften Oberlippenbart möglicherweise von dem dahingegangenen Wiener Stadtfernsehsender TIV. Dort moderierte er zusammen mit Wolfgang Kopper - teils originell, teils gnadenlos anstrengend, aber in jedem Fall hingebungsvoll - die Sendung Schwerpunkt Allgemeines. Ein trashig-radikales Magazin, das sich - "weil es so schön und so grausam sein kann "- jeden Mittwoch dem Leben in der Stadt gewidmet hat. In narrischer Vielfalt präsentierten die beiden Gegenpole Kopper (ruhig, konzentriert) und Brauneis (Rumpelstilzchen, rauchend) jene Dinge, die dem herkömmlichen Fernsehen aus Gründen wie Herzlosigkeit und Quotenfixiertheit nicht einfallen: Nicht der Boulevard war interessant, sondern die Seitengassen, nicht Pseudoglamour und Betroffenheit, sondern Underground und Spaß. Hermes Phettberg war Brauneis' größter Fan. Die Themen der Sendung, und das war der Schlüssel zur Originalität, wählte man auf Basis hemmungsloser Subjektivität. Brauneis: "Ich mag zum Beispiel Architektur. Ganz banal zwar, aber es interessiert mich und ich denke, dass wenn ich in der Früh aufwache und Architektur im Kopf habe, es irgendwo da draußen jemandem ähnlich gehen muss. Also haben wir Architekturbeiträge gemacht. Auf unsere bescheidene Art."

Statt Fernsehen

Den Trashfaktor beschreibt er dabei weniger als ästhetische Vorgabe, sondern als etwas, das entstanden ist, weil man den Hang zur Perfektion nur als Hürde zur gestalterischen Freiheit empfunden hat. TIV ist Geschichte, Schwerpunkt Allgemeines strahlt nun im Internet-Exil weiter aus. Weil dieses Statt Fernsehen genannte Projekt allerdings nicht "richtiges Fernsehen" ist und Brauneis der Welt schon noch ein, zwei Dinge aufs Aug drücken möchte, hat der junge Mann mit dem "schlechten Musikgeschmack" zusammen mit Evi Romen und Andi Pils ein Label gegründet: Masterplan Records.

Erster Akt ist das Quartett Petsch Moser, benannt nach einem Schweizer Buckelpisten-Skirennfahrer (!) und Wiens unpeinliche Antwort auf Tocotronic, ohne den Anbiederungsschmäh von Heinz: lässiger Rock mit Folkanleihen und mit jener "Scheiß drauf, do it!"-Attitüde ausgestattet, mit der auch Brauneis die Hindernisse des Lebens umschifft. Als nächste Veröffentlichung steht die "eher nach Deep House klingende" Princess Kim an, dann die Elektroniker Erdgas, "drei Autisten vom Salzburger Mozarteum", die als Masterplan-Botschafter beim Phonotaktik-Festival in New York auftreten werden. Ja, ja, Brauneis hat noch viel vor. Am besten wieder Fernsehen. Dafür würde er beim nächsten Mal sogar Bezahlung in Kauf nehmen.

derStandard/rondo/22/3/02

von Karl Fluch
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hauptstadt.at/spa

Petsch Moser - Von Städten und Bäumen (Masterplan/Hoanzl)
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