Bärlauch-Sammeln

22. März 2002, 09:22
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+ + + PRO

Gerhard Plott

Zahlreiche Aufforderungen von Ursiden-Sippen zwingen uns zu nachstehender Veröffentlichung: Der Bär hat es schwer. Unverdienterweise, wir wir vom Zentralorgan für bärige Angelegenheiten gerne zugeben. Denn der einfache Bär ist dem Menschen in vieler Hinsicht überlegen. So hält der Bär beispielsweise Winterschlaf, weil er seit Urzeiten weiß, dass die ständige Bereitschaft zur Fortpflanzung ebenso krank macht wie andauerndes Trinken und Essen zu jeder Jahreszeit. Im Dienste der Allgemeinheit könnten sich einige Menschen sogar ein Beispiel am Bären nehmen: Ab in diese Karawankenhöhle gleich rechts vom Bärental und Ruhe von November bis März (den Westenthaler bitte mitnehmen)!

Doch was tut der Mensch? Er verharrt uneinsichtig. "Problembären" hat man die Tiere in Österreich genannt, nur weil es kleinere Schwierigkeiten mit ihrer Ernährungsweise gab, was Schafbauern erregte. Im Gegenzug - der Mensch ist ja so nachtragend - setzten sich Legionen von Großstädtern in Bewegung, um im Frühling den Bären ihren Lauch vor der Schnauze wegzufressen. Das, klagen waldbekannte Bären, dürfe so nicht weitergehen, immerhin ist der Bärlauch das Frühstück nach dem Erwachen aus dem Winterschlaf. Aus gut unterrichteten Bärenkreisen erfahren wir, dass sich erste Bärlauchverteidigungsvereine gebildet haben, Bärlauch den Bären, lautet deren Schlachtruf. Das hat etwas. Außerdem sollte man sowieso nichts essen, auf das Eichhörnchen pinkeln.

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- - - CONTRA

Gudrun Harrer

Ja, natürlich hat es auch etwas mit dem alten Jäger- und Sammlerschmarren zu tun. Wenn wir uns heutzutage schon nicht mehr das Trumm Fleisch direkt aus dem Wald in die Küche holen, dann wenigstens die Bärlauchblätter in den Suppenteller. Oder den Bärlauchrisottoteller, den Bärlauchtascherlteller, den Pasta-mit-Bärlauchpestoteller, den Gschistigschasti-am-jungen-Bärlauchteller u es we.

Unwahr hingegen ist, dass wir die Natur so betrachten, wie es uns die Anhänger unserer geschätzten zoologischen Kollegin Andrea Dee, deren aussterbende Arten man vor uns schützen zu müssen glaubt, vorwerfen: nur unter dem Aspekt des Fressbaren. Wir gehen eventuell auch in den Wald, wenn gerade kein Bärlauch wächst. Falls wir dann ein paar Beeren oder Schwammerl finden, sind wir aber auch nicht bös'.

Folgende Szene an der Höhenstraße im schönen Wienerwald aber überzeugte uns dereinst, dass es auch in Zeiten finanziellen Wohlergehens besser sei, sich für den eigenen Bärlauch selbst zu bücken und diesen nicht käuflich zu erwerben. Auf der Landzunge inmitten einer dieser scharf ansteigenden Kehren, vor der jeder fähige Automobilist herunterzuschalten pflegt, dass es nur so kracht aus dem Verdauungsapparat der Blechkiste, hockten eifrige Sammler mit bärlauchbetürmten Körben. Ein hübsches Hündchen hüpfte pischend über das zarte Grün, das noch auf das Gebrocktwerden wartete. Nein, mein Gemüsestandler war nicht darunter. Der muss sich bei seinen Bärlauchpreisen nicht selbst bücken.

Der Standard/rondo/22/03/2002

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