Bulgarischer Premier Sakskoburggotski in Österreich

21. März 2002, 23:06
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Fordert "tatkräftige Solidarität" bei EU-Erweiterung - Stilllegung des bulgarischen AKW Kosloduj offen

Wien (APA) - Eine "tatkräftige Solidarität" der EU-Mitgliedsstaaten mit den Beitrittskandidatenländern hat am Donnerstagabend der bulgarische Ministerpräsident Simeon Sakskoburggotski gefordert.

Beitritts-Solidarität

Bei einem Vortrag in Wien warnte der Premier vor den "wesentlichen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Risiken", die ein Verzicht auf die EU-Erweiterung mit sich brächte. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (V) bezeichnete den polyglotten bulgarischen Ex-König in seinem Vortrag als "Mister Europe".

Fürstenhaus Sachsen-Coburg-Gotha

Indirekt brachte Schüssel Sakskoburggotski damit als möglichen zukünftigen europäischen Präsidenten ins Gespräch: "Sollte man einmal jemanden suchen, der für eine europäische Kandidatur in Frage käme und für die europäischen Völker eine glaubwürdige Brücke wäre - hier wäre jemand", sagte der Kanzler in Anspielung auf die Sprachkenntnisse und Weltgewandtheit des aus dem deutschen Fürstenhaus Sachsen-Coburg-Gotha stammenden bulgarischen Ex-Königs, der den Großteil seines Lebens im spanischen Exil verbracht hat. Die beiden Premierminister sprachen bei einer Veranstaltung des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa zum Thema "Bulgarien und Österreich als zukünftige Partner in einer erweiterten Union".

Symbolische Nachbarn

Als "durch die Donau verbundene symbolische Nachbarn" bezeichnete Sakskoburggotski Österreich und Bulgarien. Der Premier bedankte sich für die "konsequente Unterstützung" Wiens bei der Hauptpriorität Bulgariens seit dem Ende des Kommunismus, "der Heimkehr nach Europa". Vor allem bei schwierigen Kapiteln wie Umwelt, Verkehr oder der Bekämpfung der Kriminalität sei die Hilfe und Erfahrung Österreichs sehr willkommen.

Schüssel zeichnete ein positives Bild der Situation im Balkanland. In den EU-Beitrittsverhandlungen habe es in jüngster Zeit den Rückstand auf die erste Gruppe der Kandidatenländer "erheblich reduziert" und "große Erfolge" erzielt. Österreich werde das Land bei allen seinen Ziel- und Zeitplänen in Bezug auf einen EU-Beitritt unterstützen.

Fünf Prozent Wirtschaftswachstum

"Beeindruckend" sind laut Schüssel auch die jüngsten wirtschaftlichen Erfolge Bulgariens. Mit fünf Prozent Wirtschaftswachstums habe es im vorigen Jahr die Spitzenposition unter den europäischen Ländern innegehabt. Gleichzeitig lobte der Kanzler die gute Zusammenarbeit der beiden Staaten beim Kampf gegen internationale Kriminalität und Drogenhandel sowie die "umsichtige Außenpolitik" Bulgariens. Ohne dessen "ruhigen, konsequenten Stabilitätskurs" wäre es in den Konfliktherden des Balkan "sehr viel schwieriger" gewesen, eine Lösung zu finden.

Beide Politiker betonten in ihren Vorträgen die wichtige Rolle, die österreichische Architekten und Künstler bei der Modernisierung Bulgariens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert gespielt hätten. Schüssel sagte, Österreich wolle daher auch bei der zweiten Modernisierung des Balkanlandes nach dem Ende des Kommunismus eine besondere Rolle haben. So lege Österreich, was die Investitionen in Bulgarien betrifft, derzeit "enorm zu". Erst kürzlich habe ein österreichische Konsortium ein Mobilfunknetz in dem südosteuropäischen Land übernommen. Sakskoburggotski ergänzte, dass damals wie heute Wien für viele junge Bulgaren die bevorzugte Ausbildungsstätte sei. Derzeit würden etwa 3000 Bulgaren in Österreich studieren.

Besuche

Sakskoburggotski hält sich seit Mittwoch zu einem offiziellen Besuch in Österreich auf. Am Donnerstag traf er mit Schüssel, Bundespräsident Thomas Klestil und Wirtschaftsminister Martin Bartenstein (V) zusammen. Für Freitag ist die Teilnahme an einem österreichisch-bulgarischen Wirtschaftsforum in der Wirtschaftskammer Österreich und ein Gespräch mit Nationalratspräsident Heinz Fischer (S) geplant. Der 64-jährige im Jahr 1946 von den Kommunisten vertriebene Ex-Monarch ist seit Juli 2001 Premierminister Bulgariens, nachdem er mit seiner "Nationalen Bewegung" bei den Parlamentswahlen einen Erdrutschsieg errungen hatte. (APA)

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