Das neue Kinderverständnis: Bedürftige Eigenständige

20. März 2002, 20:34
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Pädagogentagung zeigte neue Perspektiven: Be- statt Erziehung

Innsbruck - Die Kindheit ist verschwunden, die Kinder aber sind da, als Menschen besonderer Art. Auf diesen paradoxen gemeinsamen Nenner lassen sich die Ergebnisse der Tagung "Kindheit - Neue Perspektiven" bringen, die am Wochenende an der Uni Innsbruck zu Ende ging.

Am radikalsten ist der Berliner Pädagoge Dieter Lenzen: Die grundlegende Differenz Kindheit/Erwachsensein ist weg, sie löst sich von beiden Seiten her auf. Kinder werden früher "erwachsen", als Käufer auf dem Markt, als Rechtssubjekte (UN-Konvention), als politisch Teilhabende. Und Erwachsene bleiben "Kinder", als dauerhaft Lernende etwa. Kindheit sei nicht mehr als Lebensabschnitt zu sehen, der einmal gewechselt wird, nicht als Vorstufe zum Erwachsensein, wofür Kinder "erzogen" werden müssten.

Stimmt schon, sagt Michael Sebastian Honig, Pädagoge der Uni Trier, aber es bleibe die eigene "Leiblichkeit" von Kindern, ihre Verletzlichkeit zum Beispiel. Sie brauchen Erwachsene, seien aber in ihrer Eigenart zu respektieren und nicht mehr als Unreife, zu Erziehende zu sehen. In Anlehnung an den Feminismus spricht er von "egalitärer Differenz". Barbara Sichtermann insistiert: Kinder sind ohne Erwachsene erledigt, so sehr sie eigenständig sein mögen. Für die Berliner Publizistin stellt sich die Frage: Wie gehen wir miteinander um, was lernen wir Älteren? Kinder brächten Erwachsene etwa zu unterstützendem, "gutem" Handeln.

Ein Blickwechsel, den Tagungsleiter Bernhard Rath-mayr auch als Aufgabe für die Wissenschaft sieht und ergänzt: Kinder fordern die soziale Intelligenz der Gesellschaft heraus, ermöglichen für alle Rücksichtnahme, Verlangsamung. Statt "Erziehung" taucht "Beziehung" als Begriff auf. Offen bleibt: Wie kann ein anderer Bezug aussehen und nicht nur privat, sondern gesellschaftlich organisiert werden? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 3. 2002)

Von Benedikt Sauer

THEMA KINDER
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