Biagi-Mord: Strategie der Spannung

20. März 2002, 19:02
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Ein Kommentar von Christoph Prantner

Ist der Mord in der Via Valdonica der Beginn neuer "anni di piombo", neuer bleierner Jahre? Müssen sich die Italiener darauf gefasst machen, dass demnächst Politiker entführt und umgebracht werden, dass Bahnhöfe in die Luft fliegen? Schaffen es rote Terroristen oder rechte Umstürzler, das Land wie Ende der 70er-Jahre bis an den Rand des Chaos zu drängen?

Der Boden dafür wäre aufbereitet. Das Attentat auf Marco Biagi trifft Italien in Zeiten allerhöchster politischer Spannung. Linke und Rechte bekämpfen einander mit einer ideologischen Verve, als hätte es den Fall des Eisernen Vorhangs nie gegeben. Eine politisch entfesselte Parlamentsmehrheit um Premier Silvio Berlusconi versucht, die - durchaus notwendige - Arbeitsrechtsreform gegen den massiven Widerstand der Gewerkschaften übers Knie zu brechen. Ein Generalstreik dagegen ist bereits angesetzt. In einem Klima der Polemik gibt es die RAI-Rochaden Berlusconis, wird eine fragwürdige Jugendstrafrechtsreform geplant, wird tendenziöse Justizpolitik gemacht - Hunderttausende Bürger protestieren auf der Straße.

Ob nun die Roten Brigaden hinter dem Mordanschlag stecken oder Terroristen anderer Couleur, die Tat eignet sich allemal als Initialzündung für eine neue "Strategie der Spannung". Es liegt an den italienischen Spitzenpolitikern, ob der Zweck dieser Provokation erreicht wird. Premier Berlusconi hat nach dem Attentat von einem Klima des Hasses und einem Bürgerkrieg der Worte gesprochen. Das sind - noch - die richtigen Worte.

Die nächsten Tage werden zeigen, ob sich die Politiker auch weiterhin der Schuldzuweisungen enthalten. Wer immer jetzt versucht, den Tod des Regierungsberaters Marco Biagi für seine politischen Absichten zu instrumentalisieren, handelt im Sinne der Strategie der Spannung. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.3.2002)

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