Cheneys Nahostreise: Kommunikationsproblem

20. März 2002, 19:00
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Ein Kommentar von Christoph Winder

Mit einem handfesten Eklat ist die große Nahostreise von Dick Cheney zu Ende gegangen. Im übertragenen Sinn türenschlagend verließ der US-Vize am Mittwoch Ankara, nachdem der türkische Premier Bülent Ecevit auf mehrmaliges Nachfragen von Journalisten steif und fest behauptet hatte, die USA planten in unmittelbarer Zukunft keinen Angriff auf den Irak. Mitnichten habe er das gesagt, behauptete Cheney später und sorgte, indem er Ecevit brüskierte, dafür, dass die US-Drohbotschaft an Bagdad in voller Intensität erhalten bleibt.

Gründe, Cheney die kalte Schulter zu zeigen, hätte Ecevit durchaus gehabt. In einer präzisen Einschätzung türkischer Machtverhältnisse, wo allemal die Militärs das letzte Wort haben, hatte der US-Vize eigenmächtig - und erfolglos - Kontakt mit Generalstabschef Kivrikoglu aufgenommen. Ankara fürchtet zudem, dass ein Krieg gegen den Irak seiner Tourismusindustrie schaden und die Region destabilisieren könnte - mit ungewissen Folgen für das hypersensible Kurdenproblem.

Wenn man Cheneys auf den ersten Blick wenig erfolgreiche Reise freilich nur unter dem Gesichtspunkt türkisch-arabisch-amerikanischer Kommunikationsprobleme betrachtet, hieße dies einen Teil der Wahrheit unter den Tisch kehren. Der irakische Diktator ist weder in der Türkei noch am persischen Golf so beliebt, als dass man der amerikanischen Entschlossenheit, mit dem Saddam-Spuk endlich Schluss zu machen, viel Widerstand entgegensetzen wollte. In diesem Sinne ließe sich die Abfuhr, die sich Cheney eingehandelt hat, durchaus auch anders verstehen: Als ein Versuch, den Preis für allfällige Hilfsdienste bei einem Angriff auf den Irak in die Höhe zu treiben. Darum geht es übrigens exakt auch in der Frage des türkischen Oberbefehls um die internationale Afghanistan-Schutztruppe: Ankara verhandelt gerade mit Briten und Amerikanern um eine größere finanzielle Zuwendung, als Cheney sie versprochen hat. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.3.2002)

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