Gut, besser, weise

20. März 2002, 21:27
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Knifflig: Thomas Stolzeti spielt den "Nathan" am Wiener Volkstheater

Wien - Eine Akte "Nathan", von ethischen Sachbearbeitern in einem Ministerium für Selbstbesinnung vorsorglich angelegt, sähe aus wie folgt: Kaufmann, wohlhabend. Lebt in der Stadt Jerusalem, einem orientalischen Palmenhain zur Zeit der Kreuzzüge. Hat ein christliches Ziehtöchterchen. Pflegt vorbehaltlosen Umgang mit allen Vertretern der Weltreligionen, die durch die Heilige Stadt flanieren - als hätten sie nichts anderes zu tun, als in einer befriedeten Enklave "gelebter" Multikulturalität mit ihren Gelüsten, Ängsten, Schicksalen einander zu quälen.

Auf einem Zusatzbogen der Akte "Nathan" stünde dann noch, in vergilbenden Lettern, mit einem Ausrufezeichen versehen: Achtung - erzählt Ringparabeln!
Nathan, den sein Autor, der deutsch-jüdische Nationalaufklärer Lessing den "Weisen" genannt hat, ist im Grunde viel zu gut, um wahr zu sein. Der Schauspieler Thomas Stolzeti (53), der ab Sonntag diese erbauliche Rolle im Wiener Volkstheater spielt, will ein leises Bauchweh, ein banges Misstrauen in Lessings utopischer Friedenskapazität gar nicht erst leugnen: "Was macht man mit einer Figur, die von Klischees umstellt ist?"

Man streicht den ominösen 11. September erst einmal aus dem Gedächtnis. Stolzeti: "Man zeigt den guten Nathan so, wie er auch ist: Ein Mann, der im öffentlichen Leben tüchtig mitmischt. Er ist also keineswegs ein hinfälliger Greis. Er händigt dem Sultan Geld für Waffen aus - er tut das übrigens nach Erzählung seiner berühmten Ringparabel. Und nun kann man ohne weiteres fragen, ob das unbedingt ein philanthropischer Zug an ihm ist: kein Geld für keine Waffen - könnte man ja auch sagen. Vielleicht ist er einfach ein Vernunftmensch, mit der klugen Einsicht in das Notwendige." Tue Gutes. Achte dasjenige, was du nicht verstehst. Übe Toleranz. Mehr ist nicht zu leisten. In einem solchen Appell bestünde wiederum die Leistung von Hans Eschers verschlankender Volkstheater-Inszenierung.
Und weil es Nathan ist, dem man das Dach über dem Kopf angezündet, dem man die Frau und die sieben Söhne ermordet hat, muss er auch nicht gut sein: um obendrein auch noch die Mörder zu entsühnen. Stolzeti, ein Grübler, träumt von einem Nathan, in dessen Akte stünde: "Ist ein Abgrund. Versittlicht sich aber." Dann behielte Lessing doch noch recht.
(poh/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.03. 2002)

"Nathan der Weise"
Volkstheater
19:30 Uhr
524 72 63

Premiere
So., 24. 3., 19.30
  • Thomas Stolzetti: sublimer Mimenkopf.
    foto: der standard/rudolf semotan

    Thomas Stolzetti: sublimer Mimenkopf.

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