Improvisation als Weg ins Freie

20. März 2002, 20:41
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Stargeigerin Viktoria Mullova beim "Osterklang"-Festival

von Stefan Ender


Wien - Drei Kinder hat sie; Mischa ist zehn, Katja sieben und Nadja vier. Schön und anstrengend sei das, meint Viktoria Mullova, Tourneen wären für sie wie Urlaub. Sie könne ausschlafen, spazieren gehen, alles sei organisiert, sie müsse nicht kochen, putzen. Wie ihre eigene Kindheit war? Sehr hart, sagt sie, viel Disziplin und üben, üben, üben. Hat sie je daran gedacht, alles hinzuschmeißen, damals? Nein, hat sie nicht, nie.

Viktoria Mullova ist 1959 in Moskau zur Welt gekommen. 15-jährig hat sie den Wieniawski-Wettbewerb in Posen gewonnen, zwei Jahre darauf den Sibelius-Wettbewerb in Helsinki, 1982 siegte sie beim Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau. Ein Jahr später hat sie sich in die USA abgesetzt; Mullova etablierte sich schnell im Kreis der weltweit gefeierten Violinisten.

Sich mit ihr zu unterhalten ist eine sehr angenehme Sache. Die 42-Jährige spricht ruhig und leise, strahlt nüchterne Sanftheit aus. Dem Publikum präsentiert sie sich völlig anders: Da dominiert der kämpferische Eindruck. Ihre meist eng anliegende, elegante Konzertgarderobe lässt ihre durchtrainierte Schlankheit augenfällig werden. Diese physische Eigenschaft findet eine Korrespondenz in Mullovas künstlerischer Kardinaltugend, der Präzision.

Die Süddeutsche beschrieb Mullova einmal als "eine Jeanne d'Arc des Geigenspiels, die alles Weichliche, sogar das Gefällige aus der Musik vertreiben und heiligen Ernst machen will". Hat sie sich also schwer getan mit dem improvisatorischen Moment des Jazz, das auf ihrer CD Through the Looking Glass wesentlich ist? "Ich hatte schreckliche Angst. Ich bin daraufhin ausgebildet worden, vorgegebenes Material perfekt wiederzugeben." Selbst bei den freieren Passagen im klassischen Repertoire - etwa Kadenzen - wäre da immer die Angst gewesen, einen Fehler zu machen.

Kein Kreisler

"Ich musste erst lernen loszulassen, mich frei zu fühlen." Ihr Mann, der Cellist Matthew Barley, hat ihr dabei geholfen; er war es auch, der die Idee für dieses Projekt hatte. Eigentlich hatte ihr ihre Firma vorgeschlagen, eine CD mit Virtuosenstückchen zu produzieren - Kreisler, Sarasate u.Ä. -, aber: "Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Welt irgendetwas vermissen würde, wenn ich es nicht mache." Für diese CD hat ihr Mann Stücke von Alanis Morissette, den Bee Gees, Miles Davis oder Ellington bearbeitet.

Die abwechslungsreichen Arrangements sind meist von ruhiger Intimität getragen, zeichnen sich durch Witz, Poesie und smarte Kühlheit aus. Mullova gelingt es, das Kantige, Energische ihres Geigenspiels zugunsten einer schwingenden, subtilen Entspanntheit zurückzunehmen. Schön, dass es ihr fast 20 Jahre nach der Flucht aus der Sowjetunion gelungen zu sein scheint, sich auch in ihrem künstlerischen Leben ein wenig mehr Freiheit zu erlauben.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.03. 2002)

Through the Looking Glass
Werke von D. Ellington, M. Davis, M. Ravel, Y. N'Dour & Weather Report
24. 3. Ronacher, (01) 427 17

LINK

"Osterklang"-Festival
  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Through the Looking Glass", Philips (Universal Vertrieb), 2000

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