Neuer Anschlag dämpft Hoffnung

20. März 2002, 19:33
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Selbstmordattentäter tötet sieben Israelis - Zinni setzt Mission fort

Tel Aviv - Kaum jemand in Israel schien überrascht darüber, dass nach einer Serie vereitelter Anschläge wieder einmal einer "gelang". Obwohl bei der Explosion am Donnerstag in einem Autobus sieben Israelis getötet wurden, wurde kein Vergeltungsschlag erwartet. Verteidigungsminister Benjamin Ben-Eliezer sprach abermals von der Erwartung, dass der Waffenstillstand, an dem US-Vermittler Anthony Zinni weiter arbeitete, binnen kurzem proklamiert werden könnte. Außenminister Shimon Peres, der allerdings als überoptimistisch bekannt ist, schätzte, dass Palästinenserpräsident Yassir Arafat nächste Woche am Arabergipfel in Beirut teilnehmen werde.

Der Bus von Tel Aviv nach Nazareth hatte soeben das arabische Städtchen Um-el-Fahm in Nordisrael passiert, als ein junger Mann den Sprengstoff unter seiner Jacke zündete. Sieben Passagiere wurden getötet, mindestens 27 verletzt. Unter den Opfern waren vier Soldaten und auch israelische Araber.

Die Palästinensergruppe "Islamischer Djihad" teilte mit, dass der 24-jährige Selbstmörder eines ihrer Mitglieder war. Die Palästinensische Behörde veröffentlichte in Gaza eine Erklärung, in der der Anschlag verurteilt wurde - jetzt sollten "keine Attacken gegen Zivilisten in Israel verübt werden", weil "sich die Anstrengungen der Palästinensischen Behörde auf die Beendigung der Aggression und die Aufhebung der Belagerung und der kollektiven Bestrafung konzentrieren".

Zur gleichen Zeit war in Jerusalem Israels Sicherheitskabinett zu seiner wöchentlichen Sitzung versammelt, bei der erörtert werden sollte, unter welchen Umständen man Arafat wieder erlauben würde, das Autonomiegebiet zu verlassen. Doch der Anschlag und die möglichen Folgen beherrschten wieder die Debatte. Die Chefs der drei israelischen Geheimdienste sollen dabei einmütig die Einschätzung dargelegt haben, dass Arafat nicht daran interessiert sei, den Konflikt zu beenden. Genau in diesem Sinne äußerte sich dann Premier Ariel Sharon gegenüber der Presse: "Arafat ist in dieser Phase nicht von seiner Politik abgewichen, hat bis jetzt keinen Schritt gemacht und keine neue Anweisung gegeben. Wir werden die Maßnahmen treffen, die sich daraus ergeben".

Trotzdem sollte gegen Abend unter Zinnis Vorsitz wie geplant wieder die "Hohe Sicherheitskommission" zusammentreten, in der Geheimdienstchefs und hohe Offiziere beider Seiten weitere beruhigende Schritte vereinbaren sollten - nahtlos müsste man dann nach der formalen Ausrufung des Waffenstillstands zu dessen Festigung in den Tenet-Plan einsteigen.

Die nächsten Tage gelten als kritisch. Denn wenn bei einer Verzögerung sieht Israel die Bedingungen für Arafats Beirut-Reise nicht erfüllt.(Der STANDARD, Printausgabe 21.3.2002)

Von STANDARD-Korrespondent Ben Segenreich aus Tel Aviv
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