Mordanschlag auf italienischen Regierungsberater

21. März 2002, 08:26
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Linke Terroristen als Attentäter vermutet

Rom - Wieder traf es einen aus der zweiten Reihe: Marco Biagi kehrte mit dem Fahrrad von der Universität nach Hause, ins Zentrum von Bologna, zurück. Vor der Eingangstür streckte ihn ein vermutlich sechsköpfiges Killerkommando mit vier gezielten Pistolenschüssen nieder. Biagi war auf der Stelle tot.

Der 51-jährige Universitätsprofessor für Arbeitsrecht war enger Berater des italienischen Arbeitsministers Roberto Maroni, er erstellte für die Regierung ein "Weißbuch für die Ankurbelung des Arbeitsmarkts". Biagi galt als ausgesprochener Experte, der im Hintergrund arbeitete, und wurde allseits geschätzt.

EU-Kommissionspräsident Romano Prodi, dessen enger persönlicher Freund Biagi war, hatte ihn als Berater in seine Regierung geholt, er arbeitete für den linksdemokratischen Minister Antonio Bassolino, auch Lega-Minister Maroni schätzte seine Ratschläge. Für die konservative Mailänder Stadtverwaltung erarbeitete Biagi ein Konzept zur Flexibilisierung des Arbeitsmarkts, das vor allem den Einwanderern Arbeit bringen sollte. In seinem letzten Interview hatte Biagi von den Sozialpartnern Kompromissbereitschaft gefordert, die Regierung müsse ihre Reformen derart gestalten, dass auch die Gewerkschaften diese akzeptieren könnten.

Die Behörden gehen von einem terroristischen Hintergrund aus. Zu ähnlichen Morden an Mitarbeitern von Ministerien und Gewerkschaften (s. unten) hatten sich in der Vergangenheit immer wieder ultralinke Terrorgruppen bekannt, die in Flugblättern dazu aufriefen, die "korporativistischen Klüngel aus Regierung, Gewerkschaften und Industriellen zu zersprengen".

Der Mord trifft Italien zum Zeitpunkt größter sozialer Spannungen, die Auseinandersetzung zwischen Regierung und Gewerkschaften wegen der geplanten Lockerung des Kündigungsschutzes und der Flexibilisierung des Arbeitsmarkts nehmen zu. Für Samstag plant die größte Gewerkschaft des Landes CGIL eine Massendemonstration in Rom, zu der mehr als eine Million Menschen erwartet werden. Anfang April werden alle Gewerkschaften gemeinsam einen Generalstreik gegen die Regierung durchführen.

Regierung und Opposition versuchten zwar Einigkeit in der Ablehnung des Terrors zu zeigen, indirekte Schuldzuweisungen blieben dennoch nicht aus. Für Premier Silvio Berlusconi sind der Hass und die "Bürgerkriegsslogans" gegen die Regierung Nährboden für den Terror. Kommunistenchef Fausto Bertinotti sieht in dem Anschlag hingegen einen Angriff auf die Arbeiterschaft am Vorabend der größten Demonstration seit Jahrzehnten gegen die liberalistische Regierungspolitik.

Auch Gewerkschaftschef Sergio Cofferati wies die indirekten Vorwürfe der Regierung zurück; die Regierung solle vielmehr erklären, warum Biagi - trotz Geheimdienstinormationen über dessen Bedrohung - seit November keine Leibwache mehr hatte.(Der STANDARD, Printausgabe 21.3.2002)

Von STANDARD-Korrespondent Andreas Feichter aus Rom

SIEHE

"Biagi-Mord: Strategie der Spannung". Ein Kommentar von Christoph Prantner
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