Warnung vor Anschlägen der "Roten Brigaden"

23. März 2002, 10:56
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Weitere Attentate möglich - Erste Fortschritte bei Ermittlungen zu Mordfall Biagi

Rom - Die italienischen Geheimdienste haben vor weiteren Attentaten der linksextremen Terrororganisation "Rote Brigaden" gewarnt. Die Sicherheitskräfte seien in höchste Alarmbereitschaft versetzt worden, berichteten italienische Medien am Samstag. Die Terrororganisation hatte sich zu dem Anschlag auf den Regierungsberater Marco Biagi am Dienstag in Bologna bekannt.

Bei der Fahndung nach den Mördern Biagis haben die Ermittler inzwischen offenbar Fortschritte gemacht. Man gehe davon aus, dass die Terroristen einen Stützpunkt in Bologna hätten, hieß es. Außerdem gelte es als sicher, dass Biagi vom gleichen Terrorkommando wie vor drei Jahren der Regierungsberater Massimo D'Antona umgebracht worden ist. Zuvor hatten die Fahnder bereits festgestellt, dass beide Schussattentate mit derselben Pistole verübt worden waren.

Von einem der mutmaßlichen Biagi-Mörder hat die Polizei nach Hinweisen eines Zeugen ein Phantombild erstellt. Das Terrorkommando soll aus fünf Personen bestanden haben.

Bekennerschreiben

In einem 26-seitigen, ins Internet gestellten Bekennerschreiben hatten die Roten Brigaden den Mord am Arbeitsrechtler Marco Biagi gerechtfertigt. In dem Schreiben wird minutiös erklärt, warum der Mitarbeiter des Arbeitsministers sterben musste: Biagi habe die Interessen der Industriellenvereinigung vertreten, wegen "Ausbeutung der Arbeiter" sei er hingerichtet worden. Laut Ermittler ist das Schreiben authentisch, Sprache und Inhalt würden klare Übereinstimmungen mit früheren von den Roten Brigaden verfassten Texten aufweisen.

Streit um Personenschutz entbrannt

Indes ist ein heftiger Streit innerhalb der Regierung wegen des Abzugs des Personenschutzes für Biagi entbrannt. Biagi war die Leibwache entzogen worden, weil angeblich keinerlei Sicherheitsrisiko bestand. In Geheimdienstberichten wurde er allerdings als extrem gefährdet bezeichnet. Der Arbeitsminister hatte wiederholt um eine Leibwache für seinen Mitarbeiter angesucht. Biagis Familie lehnt wegen des nicht gewährten Schutzes auch das von der Regierung gewünschte Staatsbegräbnis ab.

Das Innenministerium hat inzwischen die Antiterrormaßnahmen verschärft. Innenminister Scajola will jene Liste von Kabinettsmitgliedern, Regierungsberatern, Gewerkschaftern und Parteichefs revidieren, die mit einer Polizeieskorte beschützt werden sollen. Auch Partei- und Gewerkschaftssitze sollen verschärft bewacht werden. Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi plädierte Donnerstag für den Dialog zwischen Regierung und Gewerkschaften. "Die Italiener wissen, dass nicht die blinde Gewalt, sondern der Dialog die Probleme löst." (DER STANDARD Print-Ausgabe, 22.3.2002, APA/dpa)

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