"Zeitungskrieg? - Schwachsinn!" ("DER STANDARD", 25.6.1994)

20. März 2002, 17:23
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Wien - "Manchmal ist die Welt wirklich so, wie sie sich der kleine Maxi vorstellt: da sitzen angesehene Herren in exklusiven Businessanzügen und reden gar nicht fein über sogenannte Geschäftsfreunde. Und das so laut, daß jeder mithören kann."

So sah Helmut Brandstätter im ORF-Inlandsreport vom Donnerstag die "Lausch-Affäre" rund um die Pläne der Herren Grotkamp und Schumann von der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ), Aufsichtsräte und Minderheitseigentümer von Krone/ Kurier, letzteren in eine Regionalzeitung umzuwandeln.

Die Kenntnis strategischer Details zur Durchführung dieses Planes verdankt die Öffentlichkeit dem langen Ohr eines freien Mitarbeiters von Radio Wien, den der ORF in besagtem Report auch ins Bild rückte: Thomas Roessler - flotte Krawatte, dunkle Brille - berichtete vom Tatort Palais Schwarzenberg, wo es nach einer Sitzung des Kurier- Aufsichtsrats am 13. Juni laut und bis in Details verständlich hergegangen war. Knieschuß

Am Nebentisch, so der "zufällig anwesende" Lauscher zum Inlandsreport, sei darüber gesprochen worden, wie man sich mit dem "neuen Layout des Kurier ins Knie geschossen" habe, weil das Blatt "dadurch konkurrenzfähiger gegen die Krone geworden sei.

Kommentar eines Gesprächsteilnehmers, der nicht genannt werden will: In der Branche sei weitherum bekannt, daß die WAZ-Aufsichtsräte seit Jahr und Tag im Hotel Schwarzenberg abzusteigen pflegten - "Den hat uns jemand hingeschickt."

Wie seriös der Zeuge sei, ließe sich im übrigen daran ablesen, daß die Herrenrunde keineswegs elf, sondern nur sieben Personen umfaßt habe: "Vielleicht hat er das Servierpersonal mitgezählt."

Ein anderer Teilnehmer an der Runde, Ex-Chefredakteur und nunmehriger Konsulent der Krone Friedrich Dragon, kann im Gespräch mit dem Standard überhaupt "nichts besonderes" daran finden, wenn sich Eigentümer eines Mediums im Privatgespräch unzufrieden äußerten. Daraus einen "Zeitungskrieg" zu konstruieren, sei "schwachsinnig." "Warum sollte die Krone als 'Massenblatt' eine 'Qualitätszeitung' wie den Kurier bekämpfen?"

Grund zur Sorge, so Dragon, bereite ihm allein die Art und Weise, wie der ORF das Thema aufgriffen habe. Nämlich als "Aneinanderreihung von Behauptungen", die ein "völlig verzerrtes Bild" ergäben, weshalb "rechtliche Schritte" zu überlegen seien.

Die ORF-Informationsintendanz bemerkt dazu lapidar: Man habe im Zuge der Recherchen mehrmals ohne Erfolg versucht, die Herren Dragon oder Dichand zu einer Stellungnahme zu bewegen.

Dragon im Gegenzug: Er freue sich schon auf den Tag, an dem Gerhard Zeiler in der Generalintendanz antrete, damit das "widerliche Verhältnis" des ORF zur Krone endlich in ein "korrektes" übergeführt werde. Wasser für die Aufsichtsräte

Auch für die Konkurrenz hat Dragon im Zusammenhang mit Lauschaffäre und ORF-Berichterstattung einen Rat parat: "Wenn ich Eigentümer des Kurier wäre, würde ich mir überlegen, wegen Geschäftsschädigung zu klagen."

Helmut Brandstätter war dagegen davon überzeugt, daß "die Medienberichterstattung dem Kurier das Leben gerettet" habe. Dazu ein gut gelaunter Peter Rabl tags darauf zum Standard: Der Kurier sei allenfalls "positiv durchgebeutelt" worden, "ernsthaft gefährdet war er nie".

Tatsächlich hatten die WAZ-Vorstände wenige Stunden vor dem ORF-Report - Der Standard berichtete - dem Kurier gegenüber leise Töne angeschlagen und den Fortbestand des Blattes garantiert. Wie lautstark die Herren auch an jenem für die hiesige Medienpolitik so denkwürdigen 13. Juni gewesen waren - am Alkohol lag es nicht. Wenigstens im "Schwarzenberg" hatten die Essener Aufsichtsräte kaum Wein, sondern fast ausschließlich Mineralwasser konsumiert.

("DER STANDARD", 25.6.1994)


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