"Notfalls auf die Barrikaden" ("DER STANDARD", 22.6.1994)

20. März 2002, 17:20
posten
Wien - Unmißverständlich reagierte die Belegschaft des Kurier auf Montag bekanntgewordene Umstrukturierungspläne seitens des deutschen Minderheiteneigentümers WAZ: Redakteursausschuß und Betriebsrat protestierten in einer gemeinsamen Resolution gegen eine mögliche Neupositionierung des Kurier als Regionalblatt und drohten "notfalls auch auf die Barrikaden zu steigen." Geheimprotokoll

Unterdessen sorgt ein "Geheimprotokoll" für intermedialen Gesprächsstoff: Es handelt sich dabei um Aufzeichnungen eines ORF-Redakteurs, der am 13. Juni zufällig im Restaurant Palais Schwarzenberg Zeuge eines Gesprächs der Krone-Bosse Dichand und Dragon mit führenden Herren der WAZ (u. a. Günter Grotkamp, Erich Schumann) geworden ist.

Was er dabei gehört und mitgeschrieben hat, deckt sich inhaltlich im wesentlichen mit dem gestrigen, auf Kurier-internen Informationen beruhenden Bericht des Standard: heftige WAZ-Kritik an Peter Rabls Reformkonzept, verbunden mit der dringenden Anregung der Essener Konzernchefs, die bundesweite Tageszeitung Kurier in ein Regionalblatt für Ostösterreich umzufunktionieren.

Details des Protokolls sind in der neuesten Ausgabe von News in einer Dokumentation von Alfred Worm festgehalten, den der Ohrenzeuge über sein Schwarzenberg-Erlebnis informiert hat. Ob auch Peter Rabl und/oder andere Personen in und um den Kurier zu den Adressaten zählten (ein Insider schreibt sogar Ex-VP- Mediensprecher Ferdinand Maier eine tragende Rolle im inoffiziellen Informationskarussell zu) ist ungewiß.

Fest steht dagegen, daß die WAZ-Chefs ihrerseits schon am 15. 6. über ein Protokoll der Schwarzenberg-Plauderei verfügten und sich anhand dessen bei Alfred Worms Recherche zu allerlei Zurechtrückungen veranlaßt sahen. Zum Beispiel so: "Frage: Soll der Kurier neuerlich umstrukturiert werden? Antwort Grotkamp: So stimmt das nicht. Es war im Herbst 93, vor dem Relaunch, als Kollege Schumann darauf aufmerksam gemacht hat, man möge sich doch das Hamburger Abendblatt einmal angucken. Dieses Beispiel wäre unserer Meinung auch als Vorild für den Kurier geeignet gewesen." Im übrigen, so Grotkamp laut News, habe er darauf aufmerksam gemacht, daß sich der Kurier nicht über ganz Österreich ausbreiten, sondern auf OÖ, NÖ und Wien - "als Großraumzeitung" beschränken soll.

Soviel zum Dedektivischen und zur Kunst der Relativierung. Zur Sache selbst meldete sich am Dienstag außer den Kurier-Redakteuren nur die Journalistengewerkschaft zu Wort: Sie sei, heißt es in einer Aussendung, über die Entwicklung im Kurier "besorgt", und kündigte an, "den Kampf der Belegschaft mit allen Mitteln zu unterstützen."

("DER STANDARD", 22.6.1994)


Zum Thema

Geschichte für "Kurier"-Chefs

Protokoll, Archivmaterial

"Kurier": "Eine kleine, aber feine Stadtzeitung" - WAZ fordert Neupositionierung - Konrad: Kein Kommentar ("DER STANDARD", 21.6.1994)

". . . Hotel Schwarzenberg, 13. Juni 1994, 19.00 Uhr" - WAZ-Politik am Kaffeehaustisch II: Das "Geheimprotokoll" im Wortlaut ("DER STANDARD", 23.6.1994)

"Notfalls auf die Barrikaden" - "Kurier"-Belegschaft protestiert gegen WAZ-Pläne . . . ("DER STANDARD", 22.6.1994)

"Zeitungskrieg? - Schwachsinn!" - "Krone"-Konsulent überlegt rechtliche Konsequenzen nach "Inlandsreport" ("DER STANDARD", 25.6.1994)

"Kurier"-Belegschaft protestiert gegen WAZ-Pläne . . .

Mischa Jäger

Share if you care.