". . . Hotel Schwarzenberg, 13. Juni 1994, 19.00 Uhr" ("DER STANDARD", 23.6.1994)

20. März 2002, 17:22
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Wien - Kennen Sie den: Kommt ein ORF-Redakteur ins Restaurant Schwarzenberg, um sich mit seiner Verlobten zu treffen. An einem Nebentisch ist eine Herrenrunde in ein heftiges Gespräch über Peter Rabl und die Zukunft des Kurier vertieft. Sagt zum Beispiel der G. zum D. . . - nein, anders: sagt der Sch. . . - was den kennen Sie schon? Haben Sie schon bei uns gelesen? Ausgeschlossen. Kurier-Witze sind out. Zweitens scheint eine Verwechslung vorzuliegen. Die Geschichte, die wir Ihnen gestern erzählt haben, war doch folgende: Ein ORF-Redakteur wurde im genannten Restaurant zufällig Zeuge eines lautstarken Disputes zwischen den Krone-Chefs Hans Dichand und Friedrich Dragon sowie mehreren Vertretern der WAZ-Gruppe und hat das Gehörte protokolliert. Wir dokumentieren den dabei entstandenen Text im folgenden - von geringfügigen Korrekturen abgesehen - nahezu wörtlich. Zitat:

"Besprechung im Hotel Schwarzenberg am 13. 6. 1994 um 19.00. Teilnehmer: Dichand, Dragon, Grotkamp, Schumann und weitere 6 Personen.

Kurier solle als Sanierungsfall dargestellt werden, die Krone niveaumäßig angehoben werden, um einen Leser- wechsel zu ermöglichen. In Zukunft solle es nur mehr eine Massenzeitung, nämlich die Krone geben. Ein deutscher Wirtschaftstreuhänder mit polnisch klingendem Namen, der auch in Österreich bekannt sei, werde ein Angebot über eine 1/2 Mrd. machen. Mit Hilfe von Partnern soll in einer zweiten Phase Unternehmen als Interessenten eingebracht werden, um nicht nur einen Treuhänder aufscheinen zu lassen. Im wesentlichen kamen diese Anregungen von deutscher Seite.

Um diesen Plan ausführen zu können, müsse es zu einem Wechsel in der Kurier-Chefredaktion kommen. Christian Konrad müsse davon überzeugt werden. Die Aktion müsse binnen 8 Monaten abgeschlossen sein, je rascher Peter Rabl abgelöst werde, desto erfolgreicher werde diese Umstrukturierung sein. Radiopläne

Die Tatsache, daß Fellner und Bronner in das Radio 1- Projekt eingebunden wurden, wird von der Runde mittlerweile als Fehler angesehen. Es werde hier bereits eine Eigendynamik entwickelt. Als Konsequenz daraus sei bereits der Antrag auf Aufteilung gestellt, um die Anteile von Fellner und Bronner zurückzubekommen, ohne die Lizenz zu verlieren. Mit den Vorbereitungen zum Privatradio sei F. F. Wolf bereits weiter, mit ihm solle man sich versöhnen. Radio 1 brauche keinen Programmdirektor, stattdessen sei ohnehin Thomas Klock, der Ö 3 miterfunden habe, dabei.

In Verbund mit dem Radioprojekt solle es eine Stadtzeitung geben, um Synergien und Querverweise zu ermöglichen. Ein Projekt, das neben der bestehenden Krone verwirklicht werden soll. Sparprogramm "Krone"

Die Löhne und Gehälter betrügen dzt. 496 Mio., präliminiert seien nur 463 gewesen. Das Ziel seien 429 Mio., für 95 seien 452 Mio. vorgesehen.

Diese Maßnahmen stünden im Widerspruch zu den Möglichkeiten des Kurier, würden als Ungerechtigkeit angesehen. Wenn beim Kurier die Kosten konstant blieben, sei ein Verlust von 1,3 Mio. zu erwarten, 95 solle es ein Plus von 0,3 Mio geben.

Mit der Aktion "Glückskrone" gemeinsam mit den Casinos seien Einnahmen von 7 Mio. (Druckkostenbeitrag p. Woche 200.000,- für 4 Seiten) zu erwarten, die nur der Krone zufließen sollen.

Zur beschriebenen Kostenreduktion sei ein oberster Controller einzusetzen, alleine bei Verzicht auf zahlreiche Presseprozesse (erst jetzt seien wieder 14 Mio. fällig gewesen) könnten 1995 70 Mio. eingespart werden. Das Instrument der redaktionellen Gegendarstellung solle dafür verstärkt eingesetzt werden. Dieser Controller, der von der Runde als "Politkommissar" bezeichnet wurde, sei als Machthaber des Verbandes zu sehen, bis '95 werde er nur von Dichand überwacht.

Durch Bereinigung eines Rechenfehlers aus den Jahren '89 und '90 in der Buchhaltung würden weitere 80 Mio. in das "Kampfbudget" fließen.

Krone Bunt werde verstärkt als Waffe gegen Falk eingesetzt." Zitat Ende. (mj)

("DER STANDARD", 23.6.1994)


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