"Kurier": "Eine kleine, aber feine Stadtzeitung" ("DER STANDARD", 21.6.1994)

20. März 2002, 17:21
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Wien - Weg von der bundesweiten Erscheinungsweise hin zu einer "kleinen, aber feinen Stadtzeitung" a la Münchner oder Hamburger Abendblatt - so stellen sich nach Angaben aus der Kurier- Redaktion die Minderheits-Eigentümer die Zukunft des Blattes vor. Bei einer Aufsichtsratssitzung der Eigentümer-Dachgesellschaft von Krone und Kurier, Mediaprint, vergangene Woche habe jedenfalls der Vertreter der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung im Mediaprint-Aufsichtsrat, Günther Grotkamp, Rabls Reformkonzept als gescheitert bezeichnet und die Neupositionierung gefordert.

Ziel: Reduzierung des Kurier-Vertriebs auf das Einzugsgebiet Wien, Niederösterreich und Burgenland und Konzentration auf die einkommenstarken A- und B-Schicht-Leser in dieser Region. Die C- und D-Schichten wolle man der Krone überlassen, die Leser an Falks täglich alles verloren habe.

Herausgeber Peter Rabl zum Standard: "Nachdem der Mehrheitseigentümer diesen Vorstoß nicht unterstützt, ist davon auszugehen, daß das Relaunchkonzept umgesetzt und der Chefredakteur auch weiter Peter Rabl heißen wird." Im übrigen, so Rabl in einer nachgereichten Stellungnahme verlaufe "die Kurier-Reform in Zielen und Umsetzung exakt so, wie sie von allen Eigentümern mehrfach akzeptiert wurde". Zweitens verlaufe "die Erfolgskurve des Kurier seit der Reform exakt so, wie sie vor dem Start des Relaunch auch allen Eigentümern als meine Prognose mitgeteilt wurde", und drittens "hätte es die Redaktion nicht verdient, wenn ihr maximaler Einsatz für diese Reform in irgendeiner Weise ins Gerede gebracht würde." Die Redaktion will sich wehren

Dieses "Gerede" ist es auch, das Kurier-Betriebsrat Gerhard Krause am meisten "aufregt". Bisher sei noch keine offizielle Information über eine Entscheidung erfolgt. Der Wunsch der WAZ sei bekannt, es sei auch das gute Recht des Minderheitseigentümers, den "Relaunch" als gescheitert zu beurteilen. Sollte dem Wunsch nachgegeben werden, werde sich die Redaktion "vehement" dagegen wehren. Das föderalistische Prinzip sei im Redaktionstatut fest verankert. Eine Konzeptänderung in Richtung "Kurier Ost" wäre betriebswirtschaftlich "völliger Nonsens".

Christian Konrad, der starke Mann des Mehrheitseigentümers Medicur, gibt sich noch verschlossen.

Standard: Besteht die Absicht, den Kurier neu zu positionieren?

Konrad: Es gibt keine Beschlüsse über die Änderung der Blattlinie.

Standard: Wird der Kurier künftig nur in Ostösterreich verkauft?

Konrad: Nein.

Standard: Wird sich der Kurier auf die Leserschichten A und B konzentrieren und C und D aufgeben?

Konrad: Blödsinn.

Standard: Gibt es solche Wünsche seitens eines wichtigen Aktionärs des Kurier?

Konrad: Zu Wünschen äußere ich mich nicht. Kein Kommentar.

Die WAZ-Vertreter Schumann und Grotkamp sind zur Zeit nach Auskunft ihres Büros nicht erreichbar. Sie befänden sich auf einer Reise, hieß es.

("DER STANDARD", 21.6.1994)


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