Am meisten Beschwerden gibt es über sexistische Werbung

20. März 2002, 14:32
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Gesetzliche Vorschriften sind für den deutschen Werberat jedoch "überflüssig, wenn nicht sogar schädlich"

Bonn - Die Diskriminierung von Frauen in der Werbung ist der Hauptgrund von Beschwerden an den deutschen Werberat. 35 Prozent aller 2001 eingegangenen Beanstandungen beziehen sich auf frauenfeindliche Sichtweisen, berichtete der Werberat am Mittwoch in einer Aussendung. Insgesamt hatte das Gremium im vergangenen Jahr über 305 Werbemaßnahmen bzw. Kampagnen zu urteilen, um 14 Prozent mehr als im Vorjahr. In 206 Fällen wurden die Ansichten der Beschwerdeführer als "überzogen" klassifiziert. Ein Drittel der Beschwerden war erfolgreich. Laut Angaben des Werberates stellten die betroffenen Unternehmen die Werbung überwiegend ein. Lediglich in drei Fällen erging eine öffentliche Rüge.

Hohe Einsicht bei den Firmen

Von den 99 Fällen, in denen der Werberat die Ansichten der Beschwerdeführer teilte, erklärten sich bei 91 davon die betroffenen Unternehmen bereit, die Werbung einzustellen. Fünf Unternehmen sagten zu, die Werbung im Sinne der Kritik zu verändern. Drei Werbemaßnahmen würden vom Werberat öffentlich gerügt. Zwei davon, eine Postkartenwerbung des bayerischen Media page Verlag für den Kalender "Rettungsdienst 2002" und eine Postwurfsendung des Münchner "Fitness-Center Sport Forum", wurden als Frauen diskriminierend bzw. herabwürdigend bewertet. Die dritte Werbung des Energieunternehmens ultrafilter international aus Nordrhein-Westfalen wurde einerseits als Frauen herabwürdigend, andererseits als ältere Menschen erniedrigend beurteilt.

Zusätzliche Vorschriften wären "ein Rückschritt ins Mittelalter"

"Die um ein positives Image intensiv bemühten Firmen fürchten eine Kritik des Werberates in den Massenmedien", so Jürgen Schrader, Vorsitzender der deutschen Werberates. Gesetzliche Maßnahmen zur Kontrolle der Werbung hält er daher für überflüssig. Er geht sogar so weit sie als "gesellschaftspolitisch schädlich" zu bezeichnen. Staatlich festgeschriebene Sittlichkeit in derart heterogenen Bereichen hält er für "mittelalterlich."

Verletzung religiöser Gefühle

Im Zentrum der Kritik stehen nach wie vor Proteste mit unterschiedlichen Vorwürfen der Erniedrigung von Frauen, allerdings mit abnehmender Tendenz. 13 Prozent der Beschwerden sehen eine übertriebene Gewaltanwendung in der Werbung. Verstärkt wird der Vorwurf erhoben, einzelne Werbemaßnahmen verletzen religiöse Gefühle (elf Prozent). Allerdings sprach der Werberat den überwiegenden Teil der kritisierten Werbekampagnen frei. Grund dafür waren die aus Sicht des Gremiums von den Beschwerdeführern eingenommenen Extrempositionen. So sah der Werberat beispielsweise in dem Slogan "Gott hat den Sonntag erschaffen, damit Sie sich in Ruhe ums Geld kümmern können" nicht als Verletzung religiöser Gefühle. Aus der Sicht des Werberates haben Fälle zugenommen, in denen die eigene Fantasie der Beschwerdeführer Grund der Kritik war.

Der deutsche Werberat wurde vor 30 Jahren auf Initiative des Europarates gegründet. Die Einrichtung wird von 40 Organisationen getragen, die den Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) bilden. In dieser Zeit wurden von dem Gremium über 5.134 Kampagnen entschieden (insgesamt 9.070 Proteste). Aus Sicht der Beschwerdeführer betrug die Durchsetzungsquote 38 Prozent. (pte)

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