Cheneys Türkei-Besuch endet mit Eklat

20. März 2002, 21:21
7 Postings

Verärgerter US-Vizepräsident lässt Ecevits Aussagen dementieren - Ankara lehnt härteres Vorgehen gegen den Irak ab

Ankara - Der Besuch des amerikanischen Vizepräsidenten Dick Cheney in der Türkei, der letzten Station seiner Nahost-Rundreise, endete am Mittwoch mit einem diplomatischen Eklat. Cheney ließ verärgert eine Pressekonferenz in Ankara absagen, nachdem der türkische Ministerpräsident Bülent Ecevit die Zusage Washingtons verkündet hatte, in nächster Zeit keine Militäraktion gegen den Irak zu planen. Keineswegs habe er Ecevit ein solches Versprechen gegeben, ließ der US-Vizepräsident bei der Abreise verlauten.

In völligem Gegensatz zu allen protokollarischen Gepflogenheiten hatte Cheney nach seinen Unterredungen mit Ecevit direkt beim türkischen Generalstabschef Hüseyin Kivrikoglu vorgesprochen, der dem amerikanischen Gast eine Abfuhr erteilte. Bei ihm sei Cheney an der falschen Adresse, sagte der oberste Militärchef. Cheneys Versuch, Ankara für ein härteres Vorgehen gegen Bagdad zu gewinnen, ist nach Angaben türkischer Regierungskreise somit gescheitert.

"Sehr deutlich gesagt"

Ecevit hatte vor Pressevertretern erklärt: "Von einer Operation gegen den Irak kann in absehbarer Zeit keine Rede sein (...) Das hat Cheney sehr deutlich gesagt." Mehrfach betonte Ecevit auf Nachfragen von Reportern, dass der US-Vizepräsident ihm dies "ganz klar" zugesagt habe. Wie aus der Umgebung des türkischen Premiers verlautete, hielt Ecevit dem Besucher einen "energischen Vortrag" über seine Argumente gegen einen Angriff auf den Irak: die Türkei würde wirtschaftlich am meisten darunter zu leiden haben und auch im Tourismus schwere Einbußen erleiden; ein Zerfall des Irak werde die gesamte Region destabilisieren. Die arabische Welt werde rebellisch gemacht; zunächst müsse der Nahost-Konflikt gelöst werden. Außerdem sei die Beweislage für irakische Massenvernichtungswaffen nicht überzeugend.

Cheney war in allen arabischen Staaten, die er im Laufe seiner Rundreise besucht hatte, auf einhellige Ablehnung eines militärischen Vorgehens gegen den Irak gestoßen. Die USA wurden aufgefordert, ihre Aufmerksamkeit vielmehr auf den israelisch-palästinensischen Konflikt zu konzentrieren.

Der US-Vizepräsident sagte der Türkei knapp 230 Millionen Dollar Finanzhilfe für die Führung der Afghanistan-Schutztruppe ISAF zu und versicherte, dass das ISAF-Mandatsgebiet auf die Hauptstadt Kabul beschränkt bleiben soll. Die technischen Gespräche über das ISAF-Kommando zwischen Türken, Amerikanern und Briten wurden am Mittwoch in Ankara abgeschlossen; mit einer positiven Entscheidung der türkischen Regierung wird in den nächsten Tagen gerechnet. (APA/AP/Reuters)

KOMMENTAR

Kommunikationsproblem
von Christoph Winder
Share if you care.