Philips schließt steirisches Werk Lebring

21. März 2002, 12:23
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Knapp 700 Jobs fallen weg - Philips: Konjunkturkrise, Computerflaute und Flat-Screens machen Schließung unvermeidbar

Wien - Der niederländische Philips-Konzern zieht sich aus Produktionsaktivitäten in Österreich zurück. Wie am Mittwoch bekannt wurde, wird mit Ende des Jahres das Bildröhrenwerk im steirischen Lebring geschlossen. Von der Schließung des seit 28 Jahren bestehenden Werkes, das Philips gemeinsam mit dem asiatischen Konzern Lucky Goldstar (LG) betreibt, sind laut Konzernangaben 560 Stammmitarbeiter und 120 Leihmitarbeiter betroffen. Sie wurden am Nachmittag von der Unternehmensleitung informiert.

Der Auslauf der Produktionslinien soll mit August dieses Jahres eingeleitet werden und mit Ende 2002 abgeschlossen sein. Die genaue Detailplanung wird in den nächsten Wochen erstellt.

"Dramatischen Entwicklung am Weltmarkt für Computermonitorröhren"

Das Management von LG Philips in Hongkong begründet die Schließung des steirischen Werks Lebring mit einer "dramatischen Entwicklung am Weltmarkt für Computermonitorröhren". Nach einem bis zum Jahr 2000 stetig wachsenden Markt sei es ab 2001 - bedingt durch die schwache Weltwirtschaft, einen starken Nachfragerückgang bei Desktop-Computern und einen stärker als erwartet wachsenden Markt bei Laptops und Flachbildschirmen - zu einem massiven Einbruch gekommen. Dies habe zu einer weltweiten Überkapazität geführt.

Die Fabrik in Lebring sei von dieser Entwicklung massiv getroffen worden. Langfristig sei die Produktion an diesem Standort nicht mehr aufrecht zu erhalten, hieß es am Mittwochnachmittag in einer Presseinformation.

Standort nicht zu retten

Der Chef der Metaller-Gewerkschaft in der Steiermark, Kurt Gennaro, meinte am Mittwoch, dass der Standort selbst durch Lohn- und Gehaltsreduktionen nicht zu retten gewesen sei. "Das trifft uns wie ein Hammer", meinte Gennaro. Es gebe ohnehin schon riesige Probleme in der Region südlich von Graz. Der Bezirk Leibnitz sei nicht gerade mit Jobs gesegnet. Dazu komme eine relativ hohe Altersstruktur der Belegschaft zwischen 50 und 56 Jahren, so der Gewerkschafter.

Wirtschaftsminister Martin Bartenstein (V) bedauerte am Mittwoch die Schließung des Philips-Werks im steirischen Lebring. So weit er sehen könne, habe "niemand einen Fehler gemacht"; das Werk sei erst vor kurzem "hochmodern" aufgerüstet worden, die Mannschaft sei "hoch motiviert" gewesen. Für die 680 betroffenen Mitarbeiter hofft Bartenstein, dass auch in Zusammenarbeit mit Philips "vernünftige Lösungen" erreicht werden. Arbeitsmarktservice und das Land Steiermark seien "in voller Solidarität" darum bemüht.

Finanzielle Überbrückungshilfen

Für die betroffenen Mitarbeiter soll es finanzielle Überbrückungshilfen, eine Arbeitsstiftung und eine Jobbörse geben. Außerdem ist am Standort die Errichtung eines Industrieparks für Klein- und Mittelbetriebe geplant, der zusätzlich neue Arbeitsplätze bringen soll.

Das Bildröhrenwerk im steirischen Lebring gilt schon seit längerem als Problemfall im Philips-Konzern. Schon Mitte der 90er-Jahre hat das Werk die Produktion von Fernseh-Bildschirmröhren aufgegeben und sich nur noch PC-Monitorröhren beschränkt. Mitte Juli des Vorjahres wurde das Werk dann von Philips Austria an das niederländisch-asiatische Joint Venture LG Philips abgeben.

Unabhängig davon plant die Österreichtochter des niederländischen Elektronikkonzerns bis Jahresende selbst den Abbau von 1.200 der insgesamt 4.100 Mitarbeiter. Weltweit sollen rund 6.000 bis 7.000 der insgesamt 220.000 Stellen gestrichen werden.

Schließung auch in Wien

In Wien wird - wie berichtet - die Produktion von Schlüsselkomponenten und die Produktentwicklung für analoge Videorecorder bis Mitte 2002 eingestellt, da diese an den japanischen Elektrokonzern Funai abgegeben wird, teilte das Unternehmen am Donnerstag mit. Die ebenfalls in Wien angesiedelte Endmontage der Faxgeräte wurde wie die gesamte Philips-Faxgeräte-Produktion an den Konkurrenten Sagem verkauft.

Laut Philips Österreich-Sprecherin Beate McGinn, setzt Philips hier zu Lande künftig vor allem auf hochautomatisierte Produktion. Erzeugt werden in Österreich noch Miniaturlautsprecher (vor allem für Handys), Projektoren und Beamer sowie Haushaltsgeräte. 800 Mitarbeiter beschäftigt Philips in Österreich außerdem in der Entwicklung etwa von wiederbeschreibbaren DVD (DVD+RW-Technologie), Diktiergeräten, optischenTechnologien und kontaktlosen Identifikationsystemen.(APA)

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