"Zur Lage": Befund für Österreich

22. März 2002, 00:07
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Das Regie-Quartett Albert, Glawogger, Seidl und Sturminger blickt auf den Alltag nach der politischen Wende

Graz - Eine Bestandsaufnahme Österreichs nach der politischen Wende zur Schwarz-Blauen Koalition im Frühjahr 2000 bietet die Dokumentation "Zur Lage". Die tief in die Seele der Österreicher blicken lassende Dokumentation besteht aus sechs Kapiteln von insgesamt vier österreichischen Filmemachern: Barbara Albert, Michael Glawogger, Ulrich Seidl und Michael Sturminger.

Unterschiedliche Ansätze der Regisseure

Kurz nach dem viel beachteten österreichischen Regierungswechsel hat das Regie-Quartett durchaus unterschiedliche Ansätze verfolgt, um vom Alltag in Österreich und seiner Österreicher nach der Wende zu erzählen. Entstanden ist eine beängstigende Dokumentation, die genauer auf die Republik schaut als nur auf die Namen der Regierungsbesetzung und die Gesellschaft kritisch widerspiegelt, die aber auch zeigt, wie sehr die Bevölkerung oder zumindest jener Teil, den die Regisseure vor ihre Kamera holten, von diffusen Ängsten, Xenophobie, Antisemitismus und Illusionslosigkeit geprägt ist.

Glawogger als Autostopper

Michael Glawogger hat sich drei Wochen lang als Autostopper auf die Reise entlang der österreichischen Grenze begeben: Dabei hat er die Lenker zu ihrer Meinung zu den politischen Verhältnissen befragt, die diese auch mit viel Emotion kundtun: "Ich hab' es durchaus nicht darauf angelegt, die erschütternsten Beiträge zu nehmen", versicherte Glawogger, nach der Premiere, dennoch: die kurzen Episoden verdichten sich zu einer äußerst düsteren Bestandsaufnahme der Provinz in der die Angst vor Fremden und Fremdem, Chauvinismus und Machismus vorherrschen.

Seidl präsentiert Mann im Kampf gegen Anglizismen

Ulrich Seidls Beitrag gibt Einblicke in den Alltag eines allein stehenden Mannes, der sich in Leserbriefen gegen Anglizismen in der Sprache und die von ihm befürchtete "Moslemisierung" Österreichs zur Wehr setzt. Bei einem Heurigenbesuch ist Seidl auf ein Ehepaar gestoßen, das sich in Österreich von Migranten umzingelt sieht: Ihnen ist die zweite Seidlsche Episode der Filmproduktion gewidmet.

Sturminger sucht die Vorzeigefamilie

Michael Sturminger begibt sich in seinem Beitrag mit dem TV-Moderator Dieter Chmelar auf die Suche nach der österreichischen Vorzeigefamilie. Bei diesem intimen Blick in die österreichischen Wohnzimmer stieß er u.a. auf einen Vater, der erklärt, warum er seinen Sohn hin und wieder in die Garage sperrt. Dieser wiederum bestätigt vor laufender Kamera: "Ich bin der Schlimmste in der Familie".

Albert blickt auf die Situationen von Frauen

Während in den Beiträgen ihrer männlichen Kollegen in erster Linie Männer zu Wort kommen, hat Barbara Albert die Lebenssituation ihrer Geschlechtsgenossinnen, insbesondere Arbeiterinnen und Alleinerzieherinnen, zu ihrem Hauptthema gemacht. (APA)

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