Kostunica wegen Spionageaffäre unter Druck

20. März 2002, 16:08
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Chef des Armee-Geheimdienstes hatte Direktkontakt zu jugoslawischem Präsidenten

Belgrad - In der Belgrader Spionageaffäre gerät nun auch der jugoslawische Staatspräsident Vojislav Kostunica immer stärker unter Druck. Kostunica werden Praktiken zur Last gelegt, die sich kaum von jenen seines Vorgängers Slobodan Milosevic unterscheiden. Nach Angaben der Wochenzeitschrift "Nedeljni telegraf" soll der Chef des Armee-Geheimdiensts, Aca Tomic, direkte Kontakte mit Kostunica unterhalten haben. Ihm übergeordnete Instanzen - den Generalstab, die Bundesregierung und den Obersten Militärrat (in dem neben Kostunica auch die Präsidenten Serbiens und Montenegros sitzen) - hatte der General einfach übersprungen.

Nach Auffliegen der Affäre hatte es Tomic am Freitag abgelehnt, die jugoslawische und serbische Regierung bei einer gemeinsamen Krisensitzung über die Festnahme des serbischen Vizepremiers Momcilo Perisic zu informieren. ''Ich habe in diesem Raum nichts zu suchen, mein Chef ist nicht dort'', ließ der General wissen. Kostunica war zu diesem Zeitpunkt beim EU-Gipfel in Barcelona.

Der serbische Ministerpräsident Zoran Djindjic beharrt allerdings nicht nur wegen der Arroganz und des Eigenwillens von Tomic auf einer Amtsenthebung des Generals. Der Vertrauensmann des Präsidenten wird nämlich im Kabinett von Kostunica seit geraumer Zeit als künftiger Generalstabschef gehandelt. Der bisherige Amtsinhaber, General Pavkovic, hatte in der Vorwoche seinen Rückzug bis Ende des Monats in Aussicht gestellt.

Djindjic selbst hatte sich von seinem Stellvertreter Perisic losgesagt. Dieser ist inzwischen schon ein wenig in Vergessenheit geraten. In Belgrad scheint nämlich kein Zweifel mehr daran zu bestehen, dass der frühere Generalstabschef tatsächlich spioniert hat. Staatspräsident Kostunica hat bei einem stundenlangen Treffen der Staatsspitze am Sonntagabend angeblich einen vom Armee-Geheimdienst angefertigten Film vorgeführt. Darauf war Medienberichten zufolge Perisic zu sehen, als er seinem Gesprächspartner (wahrscheinlich ein amerikanischer Diplomat) politische Profile von Bündnispartnern der serbischen Regierungskoalition DOS schilderte, ihm Dokumente überreichte und anschließend 1.000 US-Dollar (1.137 Euro) gegen Quittung in die eigene Hosentasche steckte. Perisic bestreitet entschlossen, je in die Spionage verwickelt gewesen zu sein.(APA)

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