Das Kino als Gedächtnisstütze

19. März 2002, 20:58
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Die DokumentarfilmerInnen Heddy Honigman und Alexander Hackenschmied werden bei der diesjährigen Diagonale mit zwei Specials gewürdigt

Zwei "Diagonale"-Specials sind heuer dem Dokumentarfilm gewidmet: Die Regisseurin Heddy Honigmann leistet mit ihren aus Interviews gebauten filmischen Exkursionen eindringliche Erinnerungsarbeit. Das "Tribute to Sasha" würdigt den Filmemacher Alexander Hammid.

Graz - Erinnerungen lassen sich nicht immer ganz einfach wecken. Oft bedarf es einer Hilfeleistung, zum Beispiel eines Lieds, das in einem spezifischen Moment im Leben bedeutsam war.

Heddy Honigman

In Crazy (1999), einem Dokumentarfilm der in den Niederlanden lebenden Filmemacherin Heddy Honigmann, spielen ehemalige UN-Soldaten den Song oder die Arie vor, die sie mit der Zeit ihrer Stationierung in Ländern wie Kambodscha, Korea oder Bosnien verbinden: Always on My Mind. In solchen Szenen konzentrieren sich Honigmanns Kadragen auf die Gesichter ihrer InterviewpartnerInnen, deren Blick sich dabei ganz nach innen verlagert, und der Film kommt zur Ruhe, formt Ausdrücke des Gedenkens.

Der "unsagbare" Schrecken des Krieges, die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen - sie problematisieren auch die Darstellung: Die jüngste Arbeit Honigmanns, Good husband, dear son (2001), sucht ein bosnisches Dorf namens Ahatovici auf, in dem 80 Prozent der Männer während des Bürgerkrieges getötet wurden.

Auch hier ist Erinnerung auf ein "Werkzeug" angewiesen, in diesem Fall sind es Objekte wie Fotos, Äpfel oder auch Türpfosten: An diesen Dingen manifestiert sich die Präsenz der Verstorbenen, von denen meist hinterbliebene Frauen erzählen, wobei der Schmerz bisweilen sogar in Komik übergehen kann.

Es sind solche ungewöhnlichen Zugänge innerhalb scheinbar geradliniger dokumentarischer Modelle, die Honigmanns Filme auszeichnen, ihnen eine erkennbare Signatur verleihen, auch wenn sie ganz unterschiedliche Themen - etwa Musik in der Metro in The Underground Orchestra (1997) - verfolgen. Die Diagonale, stets schon mehr als "bloß" eine Leistungsschau des heimischen Films, widmet der renommierten Filmemacherin heuer ein Special, zu dem sie auch als Gast in Graz erwartet wird.

Alexander Hackenschmied

Der Vormittag im Augartenkino gehört einem anderen Dokumentaristen, Alexander Hackenschmied, später, in den USA, Hammid, bekannt auch als Kameramann, Avantgardist, Imax-Pionier. Seine unstete, äußerst heterogene Laufbahn zeichnet die von Synema konzipierte Personale Tribute to Sasha nach, die Anfang April im Wiener Filmmuseum wiederholt wird.

In der Tschechoslowakei drehte der 1907 in Linz geborene Hackenschmied zunächst experimentelle Kurzfilme, bis ihn die Geschichte zum Dokumentarischen "bekehrte" und er gemeinsam mit Herbert Kline Gegenpropaganda machte: Crisis - A Film of the "Nazi Way" (1939).

Der Schwerpunkt des Programms liegt jedoch auf seinem Schaffen in Amerika: auf seiner Zusammenarbeit mit Maya Deren, innerhalb derer (nicht nur) Katzenfreunden The Private Life of a Cat (1945/ 46) ans Herz gelegt sei, ein Film mit und über Joe, Glamour Girl and the Kittens - eine Katzenfamilie also.

In den USA setzte Hammid aber auch seine Arbeit als Auftragsdokumentarist fort: So zeichnete er fürs Office of War Information in Valley of the Tennessee (1944) den Bau eines gigantischen Staudamms auf - in dem die Bilder der Farmer ihre Eigenständigkeit gegenüber der didaktischen Voice-Over behaupten.

Oder er inszenierte für das Mental Health Board Angry Boy (1951). Die Geschichte eines kleptomanischen Buben, der institutionell therapiert wird - und in der man durchaus auch die Rahmenbedingungen eines im Entstehen begriffenen "National Security State" studieren kann. Dominik Kamalzadeh - DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 20.3.2002

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