Menschen, (Tiere), Attraktionen!

20. März 2002, 08:00
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Quotenbestimmt: Zitrone für die ORF-Unterhaltungs-
sendungen "Barbara Karlich-Show" und "Streetlive"

Menschen treffen sich zum nachmittäglich inszenierten Plausch zum Überthema. Sex. Frauen. Männer. Ende. Und das immer wieder.

Die Männer und Frauen sind nicht mehr gar so jung: ProtagonistInnen, DurchschnittsösterreicherIn, ebenso wie die, die vor sich vor ihren Fernsehschirmen im verlängerten Wohnzimmer der Nation (Nr. 2, "Willkommen Österreich" ist um eine Sendelänge voraus) einfinden: Es ist Zeit für "Die Barbara-Karlich-Show".

Der österreichische Auswuchs eines Talkshow-Formats läuft wochentags um 16:00 Uhr auf ORF 2 und unterscheidet sich von den Talk-Shows im deutschsprachigen Privatfernsehen durch "Niveau" (per Eigendefinition). Dieses Niveau wird spätestens zum Ende der Sendung mit einem Highlight der besonderen Art belegt: "Jetzt strippt NN ein bisschen für Sie – viel Spaß!"

NN ist eine Frau, blond, und sie traut sich was – nämlich trotz ihres Alters zu strippen. NN ist ÜBER 40. Sie hilft mit ihrem Auftritt, den Bildungsauftrag des staatlichen Fernsehens mit Anstand zu erfüllen, ein Mentoring der fernsehtauglichen Art eben: "Frau, zeig her deinen Körper, zeig her deinen Sexappeal – auch im reifen Alter bist du es wert, vorgeführt zu werden, wie mensch es von Frauen medial gewohnt ist. Wenn wir uns daran aufgeilen können, super! Wenn nicht, lachen wir dich eben aus!"

Nimmt das nicht der Hausfrau, die die Show in ihrem Tagesablauf eingeplant hat, die Frau, die so sein könnte wie NN, das Gefühl der Wertlosigkeit, die in Kriterien der Körperlichkeit messbar geworden ist? Aber sicher.

Zu einem anderen Fallbeispiel ORFscher Einhaltung des Bildungs- und Lebensvielfaltsauftrags bei Eigenproduktionen, die wir finanziell mittragen:

Samstag Nachmittag. Der Schauplatz ist Linz, aber im Grunde beliebig. Ein junger fescher Mensch (Marke Lieblingsschwiegersohn oder Wanderpokal - von einem ORF-Format zum nächsten wird er herumgereicht) sucht sich junge, lustige Leute, um mit ihnen ein spontanes Spiel zu spielen: Wie weit gehen die ÖsterreicherInnen für ein bisserl Geld? Nennen tut sich dieses ORF1–Angebot "Streetlive" - weil sich alles auf der Straße abspielt. Diesmal soll das Spiel besonders lustig werden. Verschiedene Sprühdosen – eine davon mit Schlagobers gefüllt – sorgen für Spannung. Einer geköderten jungen Frau werden Fragen gestellt – ein junger Mann muss die von ihr gegebene Antwort richtig erraten – ansonsten bekommt ein anderer, supercooler Typ (wenn er Pech hat), das Schlagobers auf seinen Oberkörper gespritzt.

Die junge Frau befürchtet, die Fragen könnten peinlich werden – von wegen! Der ORF ist sich bei seiner Programmgestaltung doch eines gewissen - wie nennt sich das doch gleich..?? - bewusst und setzt auf gezieltes Infotainment. Die erste Frage lautet: Was ist ihre Körbchengröße?! Die Frau verdreht die Augen, gibt jedoch Antwort.

Nun wird es spannend: Kann der Mann die richtige Körbchengröße abschätzen – mit verstohlenem Augenmaß? Kann er nicht, weil er sich – wie er sagt – mit Körbchengrößen nicht auskennt. Er weiß weder, welche Einteilungskriterien es gibt, noch was diese bedeuten. Der junge Moderator gibt ihm kurz Nachhilfe – dann folgt die Einschätzung: "eine gute Größe", jedoch der falsche Buchstabe. Der Moderator enttäuscht - "wo schaust den du hin?" –, der Mann, etwas verlegen: "Ja, wo schaust denn du bei einer Frau hin?"

Die Frau darf sich eine der Sprühdosen aussuchen, erwischt gleich zu Beginn die mit dem Schlagobers – spritzt es dem supercoolen Typen in den Ausschnitt. (Sie hätte es auch dem Moderator irgendwohin spritzen können!) - Selten so gelacht! Es ist halt, wie das ORF-urheberschaftliche Straßenleben einer so spielt.

Abgerundet wird das ganze noch mit langen Werbeblöcken davor und danach (nicht so wie beim privaten TV zwischendrein oder beim ORF-Sport oder ORFs Taxi Orange), die durch die vor zwei Jahren teuer erkauften neuen Werbeeinleitungs-Jingles unterbrochen werden, damit mensch auch wirklich schnallt, dass da jetzt gerade Werbung läuft und nix Eigenproduziertes. Anscheinend notwendig, denn "Streetlive" hebt sich vom Konzept her vom Werbeniveau deutschsprachigen Angebots nur wenig ab.

Mit derartigem Wust hat der ORF wohl die totale Unterforderung zum Programmauftrag gemacht, Alltagssexismen ergeben sich bei so schlechten Konzepten und SpieleleiterInnen von selbst. Dürften sie aber nicht, und wenn, sind sie zu regulieren. Die integrative Arbeit an einer Gesellschaft durch Überwindung tiefsitzender Meinungen müsste mehr wert als Quote sein, gerade für eine öffentlich-rechtliche Anstalt. Definitv ist sie es aber nicht. Das Spiel mit Versatzstücken aus den Derivaten des Sexismus und Vorurteils bringt mehr ein.
(bto, pd)

20.03.2002
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