Wie El Niño nach Europa kommt

19. März 2002, 19:04
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Physiker Rahmstorf warnt vor Kippschalter für Klimasturz

Wien - "El Niño" kann nach Europa kommen. Das Klimaphänomen, das offenbar gerade in Südamerika wütet, kann "Änderungen im Süßwasserhaushalt des Atlantiks nach sich ziehen", sagt Klimaforscher Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Die Folge: "Zu viel Süßwasser ändert die Strömung." Ein Klimasturz wäre eine weitere Konsequenz, längeres Auftreten von El Niño vorausgesetzt.

Und so kommt das Klimaphänomen nach Europa: "Über Mittelamerika hinweg", erläutert Rahmstorf, "gibt es sehr starken Export von feuchten Luftmassen - eine Süßwasserbrücke, die die Ozeane miteinander verknüpft."

Und die Strömung im europäischen Nordatlantik reagiert auf "Schwankungen im Süßwasserhaushalt empfindlich. Wenn mehr Niederschläge oder Schmelzwasser reingelangen, verändert das den Salzgehalt und damit die Wasserdichte an der Oberfläche. Das Absinken des Meerwassers, der entscheidende Faktor, findet nur bei genügend großer Dichte statt", sagt Rahmstorf. Die Folge: Die Atlantikströmung wird instabil.

Aus Eis lesen

Der Physiker muss es wissen, war er es doch, der kürzlich als Erster ein Computermodell zur Beschreibung solch abrupter Klimaschwankungen für die letzte Eiszeit vorgelegt hat (Physical Review Letters Vol. 88, S. 038501). Die Daten dafür stammen aus der Analyse von Grönlandeis, dessen Schichten ähnlich aussagekräftig sind wie Baumringe.

Das Modell geht von stochastischer Resonanz aus, einer in Physik und Biologie beschriebenen Überlagerung von Zufallsschwankungen mit einem regelmäßigen Signal, das etwas "bei ganz bestimmter Stärke zum Kippen bringt - wie beim Umlegen eines Schalters". Die meteorologische Folge: sechs bis zehn Grad höhere Lufttemperatur in nur zehn Jahren, dazu Dürre oder sintflutartiger Regen.

Nur die Auslöser, die Signale für den Schalter sind andere als in der Eiszeit, die 24 Klimastürze gesehen hat. Der Mensch ist ein wahrscheinlicherer Auslöser als El Niño. "Denn er hat mit seinen klimaschädlichen Gasen einen sehr deutlichen Klimawandel in Gang gesetzt", widerspricht Rahmstorf anderen Stimmen, die den berechneten Szenarien nicht glauben wollen. "Es besteht die Gefahr, dass wir eine Grenze zu nicht linearen Klimawechseln überschreiten", warnt der Physiker. "Für die Instabilität der Atlantikströmung reichen relativ geringe Auslöser, in der Eiszeit wahrscheinlich Schwankungen in der Sonne. Wenn der Mensch so weitermacht, wird sein Einfluss bald der stärkste Faktor für Klimawandel sein." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.3.2002)

Von Roland Schönbauer

Schrödinger-Lecture, Mittwoch, 18,15 Uhr, Akademie der Wissenschaften, Dr.-Ignaz-Seipel-Pl. 2, 1010 Wien
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