Wegmachen, was absteht

20. März 2002, 18:56
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"Bremen war gut." Das Publikum habe ihm dort seine Wut genommen, erzählt Martin Walser. - 20. März 2002

46 Städte hat der deutsche Schriftsteller, der am 24. März 75 wird, letzten Herbst besucht, um aus seinem Buch "Der Lebenslauf der Liebe" zu lesen. Zuweilen kam es zu tumultartigen Szenen.

Deshalb war Bremen "gut", sagt Walser. Weil sich das Publikum auf seine Seite geschlagen und den ungebetenen Gästen durch "Raus"-Rufe Einhalt geboten habe. Der Journalist Frank Hertweck dokumentiert die turbulente Reise, zu sehen Mittwochabend um 23.30 Uhr auf ARD.

Im Schminkraum sitzt Walser und blickt in den Spiegel. Er will sich frisieren, greift zur Bürste und fährt durchs Haar. Er sieht zur Visagistin, dann wieder in den Spiegel und befindet: "Das reicht." "Ja", entgegnet sie. "Aber das, was absteht, machen wir weg." Sie streicht die Seiten glatt. "Weg?", fragt Walser. "Nicht weg, aber . . ." - "Hin", ergänzt er. "Hinweg", berichtigt sie ihn.

Hertweck zeigt den Schriftsteller in Nischen und weist damit auf jene Zwischenräume hin, in die sich Walser seit seiner Friedenspreisrede 1998 verbannt sieht. Der Autor, der eine "ständige Thematisierung des Holocaust" als "Moralkeule" bezeichnete, sieht sich neuerdings als Opfer der Medien. Er sei provoziert worden.

Am 24. März zeigt 3Sat um 11.30 Uhr das Fernsehspiel "Ich vertraue. Querfeldein". Der Dichter lud sich zur Diskussion die Fernsehpsychologin Brigitte Lämmle ein, weil er "einen Menschen suchte, der zuhören kann". (prie/DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 20. März 2002)

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