Frankreich langweilt sich wieder

19. März 2002, 19:48
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Der Wahlkampf zeigt, wie sehr das Land eigentlich eine Erneuerung bräuchte - ein Kommentar von Markus Bernath

Der dritte Mann kommt auch dieses Mal nicht. Wenig mehr als dreißig Tage vor der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen haben sich der Staatschef und sein Premier mit dem Platzrecht der Amtsinhaber auf der politischen Bühne breit gemacht und ihr Programm millionenfach über das Publikum verteilt. Andere Prätendenten für den Elysée-Palast mit anderer Geschichte - der Liberale François Bayrou, der Linksnationale Jean-Pierre Chevènement, der Grüne Noël Mamère - sind zu Zählkandidaten degradiert, noch bevor die erste Stimme abgegeben ist.

Denn die gaullistische Republik liebt das Duell, aber keine Überraschungen. Wahrscheinlich ist dies schon der erste Makel, der Frankreich im Vergleich zu seinen europäischen Nachbarn heute so antiquiert erscheinen lässt. Der Präsident, Jacques Chirac, hat Abhilfe für ein Land angeboten, das nach fünf Jahren Linksregierung "weniger sicher, weniger aktiv, weniger stark, weniger gerecht, weniger modern" sei. Der Premier, Lionel Jospin, verspricht ein "aktiveres, sichereres, stärkeres, moderneres und gerechteres Frankreich". Sehr viel origineller wird dieser Wahlkampf nicht werden.

Auch die scheinbare Auswechselbarkeit der Programme hat ihren Grund: Chirac und Jospin, der Gaullist und der Sozialist, suchen etwas, was es in Frankreich historisch gesehen nicht gibt - die politische Mitte. Sie wird nun ausgefüllt mit Versprechen von Steuersenkungen, von Recht und Ordnung, neuen Arbeitsplätzen, keinen weiteren Privatisierungen. Und pünktlich vor der zweiten Wahlrunde wieder aufgegeben. Die politische Mitte des "Sozialdemokraten" Jospin wird von seinen Koalitionspartnern, den Kommunisten und Grünen, nicht mitgetragen; sie gefällt ebenso wenig den unternehmerfreundlichen Bürgerlichen des nunmehr "sozialliberalen" Chirac. Auf die Unterstützung ihrer Bündnispartner sind die beiden Kandidaten jedoch vor der Stichwahl angewiesen. Es ist ein Drehbuch mit einem absehbaren Dialog und altbekannten Darstellern.

"Was unser öffentliches Leben derzeit kennzeichnet, ist die Langeweile. Die Franzosen langweilen sich. Sie nehmen weder direkt noch indirekt an den großen Verwerfungen teil, die die Welt erschüttern." Anders als im Jänner '68 nimmt das alte Bonmot des Publizisten Pierre Viansson-Ponté dieses Mal wohl keine soziale Revolte vorweg. Die Franzosen des Jahres 2002 wollen ihre kleinen Träume und Wunder, sie wollen die fabelhafte Welt der Amélie Poulain statt Al-Qa'ida, die nostalgische Verklärung eines Frankreichs der Fünfzigerjahre - ohne Gewalt in den Vorstadtgettos, ohne Globalisierung, ohne europäische Gipfel mit ihren ermüdenden Verfassungsdebatten.

Natürlich hat Frankreichs Präsidentschaftswahlkampf in den vergangenen Tagen ein wenig an Kontur gewonnen: Jospin konnte den Eindruck vermitteln, dass er ein Team um sich geschart hat, während Chirac in den Augen der Wähler weiter als Alleingänger erscheint; der Staatspräsident versuchte den alten Graben zwischen Links und Rechts aufzureißen, bezeichnete die Linkskoalition als "verbraucht" und "zersplittert", seine neu geschaffene Sammelpartei UEM ("Union in Bewegung") hingegen als einigende Kraft; Jospins Bemerkungen über Alter und "Abnutzung" des Kandidaten Chirac schließlich, haben den Premier erste Sympathien gekostet. Natürlich sind auch die alten Konstanten der französischen Wähler unverändert: ihre Vorliebe für einen intervenierenden Staat, ihre Verwurzelung im Rechts-Links-Schema, ihr Wunsch nach einer Führungsfigur, die eher mit "menschlichen Qualitäten" als mit technokratischer Leistung brilliert.

Doch umso mehr zeigt die Leere dieses Wahlkampfs nun, wie sehr Frankreich einer Erneuerung bedarf. Dass sie ausgerechnet von zwei Politikern kommen soll, die sich seit sieben Jahren erbittert gegenüberstehen - zuerst im Präsidentschaftswahlkampf 1995, dann in der gemeinsamen Regierung seit 1997 -, ist nicht sehr einleuchtend. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 20. 3. 2002)

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