Die streitbare Tradition

19. März 2002, 22:33
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Axel Melhardts Jazzland feiert dieser Tage seinen 30. Geburtstag

von Andreas Felber


Wien - Da wurde ein Hobby zum Beruf: "Ich wollte entweder einen Jazzclub aufmachen oder Science-Fiction-Autor werden. Lustigerweise bekam ich drei Monate, nachdem ich das Jazzland voll übernommen hatte, das Angebot, nach München zu einem Verlag zu gehen. Zu spät!" Es ist imposante 30 Jahre her, dass Axel Melhardt an diesem biografischen Scheideweg stand.

Die Gründung des Jazzland, das am 2. März 1972 mit einem Konzert des New-Orleans-Klarinettisten Albert Nicholas seine Pforten öffnete, verdankte sich ursprünglich einer Initiative des Jazzring Austria; doch schon bald übernahm Melhardt das alleinige Kommando. Heute ist das Jazzland eine international renommierte Institution, in der auch George Benson und Wynton Marsalis während ihrer Wien-Aufenthalte in Sessions eingestiegen sind.

Wie Melhardt selbst die angebotene stilistische Bandbreite beschreibt? "Vom Anbeginn des Jazz bis ursprünglich in die Gegenwart. In den letzten Jahren habe ich das Zeitgenössische etwas zurückgenommen, weil ein anderer Club da ist, der dieses Segment ausgezeichnet abdeckt." Eine ungewöhnlich diplomatische Wortspende des Streitbaren, weiß man doch, dass das Jazzland ein Hort der Tradition und Melhardt ein Vertreter jener Jazzfan-Spezies ist, für die das Interesse an dieser Musik bereits um 1960, mit dem Einsetzen des Free Jazz, endet . . .

Wo denn angehörs dieser Beschränkung auf historisches Terrain das Überraschungsmoment bleibe? "Der Jazz hat in 100 Jahren das nachvollzogen, wofür die Klassik 500 Jahre gebraucht hat. Was sind da noch alles für Winkel da, in die noch nicht hineingeleuchtet worden ist! Zwischen Armstrong und Roy Eldridge ist noch eine ganze Bandbreite an Trompetern mit Eigenheit möglich."

Die Konkurrenz

Ein Schelm freilich auch, wer ob des obigen Statements vermutet, das gespannte Verhältnis zu jenem Jazzclub, gegen dessen von der Stadt Wien finanzierten Umzug ins Rondell Melhardt einst mit einem ganzseitigen Falter-Inserat zu Felde zog, sei einer friedlichen Koexistenz gewichen. Für Melhardt, der das Porgy & Bess selbst noch nie betreten hat, ist das Verhältnis zwischen jenen 28.400 Euro, die er selbst insgesamt jährlich von Stadt und Bund erhält, und den 145.000 Euro, mit denen der zeitgenössische Club-Konkurrent etwa letztes Jahr gefördert wurde, weiterhin nicht nachvollziehbar.

Dass er durch die bestenfalls marginale Berücksichtigung der so vitalen jungen Wiener Szene vor allem in den späten 70er- und 80er-Jahren die Initiierung eines derartigen Club-Forums für innovative, risikoreichere Improvisationsformen in gewisser Weise selbst provoziert hat, kommentiert er wie folgt: "Hier kam meine subjektive Vorliebe für ältere Stile und auch die Treue zu den Musikern zum Tragen, die mir in den ersten Jahren immer geholfen und zu niedrigen Gagen gespielt haben. Mir geht es nicht primär um die Szene, sondern auch um alte Freundschaften."

"Das Publikum wird eher mehr als weniger", macht sich Melhardt kaum Gedanken um die Zukunft des Livekonzerts. Warum auch, schließlich bietet neben dem urigen Keller auch er selbst in seiner unverwüstlichen begeisterten Art jenen Mehrwert, den ein Jazzclub-Ambiente benötigt. Wie weiter? "Die 20 Jahre bis zum 50. Geburtstag bringe ich noch leicht unter!"
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.03. 2002)


Jubiläumsprogramm: Jazzland
Classic All-Stars, bis 23. 3.


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Jazzland Wien
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