Späte Vaterehren

22. März 2002, 00:30
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Kunstgeschichte umschreiben: Eine Ausstellung im venezianischen Palazzo Grassi

Eine Ausstellung im venezianischen FIAT-Palazzo Grassi regt an, die Kunstgeschichte umzuschreiben. Von Puvis de Chavannes zu Matisse und Picasso zieht der Kurator Serge Lemoine seine Entwicklungslinie.

von Paul Kruntorad

Foto: palazzograssi.it
Pierre Puvis de Chavannes: "Les jeunes
filles au bord de la mer",
1879, Paris, Musée d'Orsay

Venedig - Die Geschichte der Moderne muss neu geschrieben werden, fordert der französische Kunsthistoriker Serge Lemoine. Nicht mit dem Impressionismus, mit Manet, Monet, Renoir und Degas, sondern mit Pierre Puvis de Chavannes, mit dem Symbolismus, würde sie geginnen. Er belegt seine These mit einer Schau von 200 Bildern 80 berühmter, aber auch bisher kaum bekannter Malern.

Der Stammbaum, den er dem Katalog voranstellt, zeigt im zweiten Glied eine Reihe von jüngeren Künstlern, die Puvis, den Urvater, bewunderten und ihn kopierten. Als Paul Signac etwa am Bild Zeit der Harmonie arbeitete, machte er "jeden Morgen ein halbes Stündchen Gymnastik, Skizzen von Raffael, Puvis, Andrea del Sarto, Mantegna. Eine ausgezeichnete Übung."

Renoir und Rodin waren Freunde, Gauguin einer der ersten Bewunderer, ebenso wie die Postimpressionisten und die Nabis. Lemoine bettet Beispiele ihres Werkes in ein Spektrum symbolistischer Bildern aus ganz Europa: Khnopff, Redon, Hodler, Segantini, Klinger, Malewitsch.

Seine Kronzeugen sind Cézanne, Matisse - und immer wieder Picasso. Dieses illustre Trio musste auch bisher für die ,alte' Theorie herhalten, doch Lemoine gelingt es, seine These über Die Anfänge der Moderne mit überzeugenden Querbezügen einsichtig zu machen. In dem Stammbaum findet man auch Klimt, doch Lemoine verzichtet auf ein Werkbeispiel. Dabei passt gerade auf Klimt, was Lemoine bei Chavannes als modern erkennt: " . . .bis zur Schematisierung vereinfachte malerische Elemente, synthetische Zeichnung, Bekräftigung der Flächigkeit auf Kosten der illusionistischen Tiefe."

Foto: palazzograssi.it
Pablo Picasso: "Baigneuses regardant un
avion", 1920 (Detail), Paris, Musée Picasso

Im ersten Raum hängen die Hauptwerke von Puvis, der vor allem mit seinem riesigen Wandgemälden Ludus pro Patria und Doux Pays in Paris, und Le Bois sacré cher aux arts et aux muses, ein Zyklus über die Geschichte der Hl. Genoveva im Pantheon zum Malerkönig Frankreichs avancierte. Von seinem Mädchen am Meer (1879) springt dann der Aha-Funke zu Cézanne über, zu den Badenden (1895). Was Lemoine über Puvis'Kolorit sagt, "verhalten, sparsam eingesetzte Farben", gilt ebenso für Cézanne.

Chavannes im Koffer

Im Raum mit Cézanne findet sich Gauguin - er kam in die Südsee nicht nur mit einen Bild von Puvis im Gepäck, sondern auch mit dessen Formideen im Kopf. Dass auch Picasso, als er nach Paris kam, Puvis de Chavannes rezipierte, belegt Lemoine mit dem männlichen Doppelakt Halbwüchsige (1906) und der frühkubistische Dryade (1908).

Auch der postimpressionistische Matisse fügt sich glatt in Lemoines Argument. In Not gerät Lemoine hingegen bei Edvard Munch. Der Tanz am Ufer (1904) und der Badende (1918) zeigen in der Komposition unverkennbar die von Lemoine behauptete Verwandtschaft, was die Vereinfachung der Formen und die Flächigkeit betrifft, doch mit seinem kräftigen Kolorit reißt Munch eine psychologische Tiefendimension auf, die Puvis' "Streben nach Harmonie" diametral entgegengesetzt ist.

Ausstellungsseiten des Palazzo Grassi

Auf Picassos klassizistische Periode rekurriert Lemoine im zweiten Teil, in dem auch Werke von Leger und Duchamp die These weiterführen. Freilich, mit Picasso lässt sich vieles beweisen.

Nur im Katalog zeigt Lemoine die Stolperstelle in der bisherigen Ableitung der Moderne. Die Abstraktion folgt keineswegs zwangsläufig aus dem Impressionismus - im Gegenteil. Kandinsky, Kupka und Mondrian wollten "kosmische" Harmonie in Farbe und Form umsetzen, abgelöst von allem Narrativen, i.e. Gegenständlichen, und stünden damit in einer Linie mit Puvis de Chavannes. Bis 16. Juni
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.03. 2002)

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