Rot-weiß-rote Stromlösung: Zähler tickt lauter

19. März 2002, 18:31
posten

Verbund-Hauptversammlung ohne Turbulenzen - Junktims der Kontrahenten liegen auf dem Tisch

Die Verbund-Hauptversammlung am Dienstag ist ohne Turbulenzen über die Bühne gegangen. Dabei haben der Bund als Mehrheitsaktionär und das Trio aus EVN, Wiener Stadtwerken und Tiroler Tiwag, das 27 Prozent am Unternehmen hält, im Einklang die Tagesordnung abgehakt.

Nun können sich die Akteure im Verhandlungspoker um eine große rot-weiß-rote Stromlösung wieder ungestört in das Kartenzimmer zurückziehen. Die Uhr tickt bereits: Spätestens Ende April will Wirtschaftsminister Martin Bartenstein erste Ergebnisse auf dem Tisch liegen haben.

Die Kontrahenten in den Kooperationsgesprächen - der Verbund und die Landesversorger - beteuern das gute und konstruktive Gesprächsklima. Andererseits haben sich beide Seiten schon für den Fall gerüstet, dass der Mitte 1999 abgebrochene Versuch, eine nationale Lösung auf die Beine zu stellen, erneut schief geht. Größtes Hindernis und möglicher Spaltpilz beim wohl letzten Versuch eines nationalen Kurzschlusses: die vom Verbund bereits fertig ausverhandelte Wasserkraftehe mit dem deutschen Atomstromkonzern E.ON. Diese wässrige Ehe müsste in einer außerordentlichen Hauptversammlung von mehr als 75 Prozent der Aktionäre abgesegnet werden, wiederholte ein Vertreter des elektrischen Trios eine alte Forderung. Mit diesem Hebel hatten EVN, Wiener Stadtwerke und Tiwag die geplante Energie Austria vor knapp drei Jahren verhindert.

Messlatte hochgelegt

Der Verbund hat seinerseits die Messlatte für die angepeilte Kooperation des Verbundes mit den Landesstromversorgern hoch gelegt: Eine nationale Lösung muss Vorteile für alle Partner auf allen Wertschöpfungsebenen (Erzeugung, Handel und Vertrieb) bringen. Eine Absage an die E.ON will man aber vermeiden. Die Bestrebungen der Landesfürsten und des Wirtschaftsministers dürften nicht die Tür zur europäischen E-Wirtschaft verschließen, argumentiert der Verbund. Mit diesem Junktim kann E.ON wohl noch beruhigter darauf warten, dass die auf Eis liegende Wasserkraftehe doch noch zustande kommt.

Das beredte Schweigen des deutschen Energieriesen zu dem Thema Verbund hat gute Gründe. Die Bayern haben sehr gute Karten: In einer kleinen deutsch-österreichischen Lösung hat E.ON Einfluss auf das größte Asset des Verbunds - nämlich die Wasserkrafterzeugung. Kommt die große Lösung, können die Deutschen gar darauf hoffen, sich zum mächtigen Juniorpartner der "Energie Austria neu" zu mausern.

Fiele dann die Verfassungsbestimmung, dass die öffentliche Hand die Mehrheit an den heimischen Stromfirmen halten muss, könnte die rot-weiß-rote Lösung einen blau-weißen Anstrich bekommen. (Clemens Rosenkranz, DER STANDARD, Printausgabe 20.3.2002)

Share if you care.