"Manchmal mit den Männern schreien"

20. März 2002, 09:37
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In der von Männern beherrschten Gesellschaft Afghanistans haben Frauen kein leichtes Leben - Das wird sich ändern, meint Frauenministerin Samar im STANDARD-Interview

Wien - Sima Samar, afghanische Frauenministerin und eine der Vizeregierungschefs, braucht keine Pause. Um neun Uhr früh kam ihr Flugzeug an, um zehn ("Frühstücken kann ich später") erzählt sie im Hotel Sacher: "Wir brauchen die multinationalen Truppen im Land. Sie sollten bleiben, bis El-Kaida ausgemerzt ist." Das könne dauern, lächelt die Ministerin: "Es waren Abertausende El-Kaida-Kämpfer im Land, die können nicht plötzlich verschwunden sein."

Wie weit gehe eigentlich der Machtbereich ihrer Regierung? "Der Großteil des Landes ist unter unserer Kontrolle, aber es gibt noch kleinere Probleme. Wir versuchen die Provinzen in einer Zentralregierung zu verbinden", meint Samar, die der "Rom-Gruppe" von Premier Hamid Karsai zu gerechnet wird. Nur wenn tragfähige Zentralstrukturen aufgebaut würden, könne das Land zusammenwachsen: "Wenn wir eine nationale Armee und eine nationale Polizei schaffen, dann wächst die Zivilgesellschaft. Es hängt davon ab, wie ehrlich und angestrengt wir dafür arbeiten."

Und wie weit gehe ihr Einfluss in der Regierung? Samar lächelt verschmitzt: "Wir haben alle gleiche Rechte im Kabinett. Am Anfang war das für die Männer ungewöhnlich, aber ich setze mich durch. Ich habe genug Kraft. Manchmal muss man halt auch schreien mit den Männern."

Mittlerweile habe sie "einiges erreicht": "Frauen gehen zurück an die Arbeit und an die Schulen und Universitäten. Erziehung ist eine Priorität. Natürlich gibt es Probleme, so haben wir zu wenig Schulen. Aber wir können nicht warten, bis es genug Gebäude gibt. Wo es keine Schulen gibt, beginnen wir mit dem Unterricht in der Moschee." Wie bei vielem fehle auch hier das Geld, seufzt Samar: Verbale Unterstützung bekomme sie zuhauf - "hoffentlich kommt auch Geld". Neben Bildung sei Gesundheit wichtig, bis zur Gratis-Familienplanung.

Das alles sprudelt aus Samar heraus, untermalt von Gestik, die gern den Schal vom Kopf rutschen lässt. Für die Fotografin setzt sich Samar den Schal wieder auf - und spricht betont unverkrampft davon, dass noch viele Afghaninnen Burka tragen: "Die Frauen sind es gewohnt. Wir geben ihnen die Wahl. Wenn eine Frau Burka tragen will, soll sie - wenn nicht, nicht."

Das brauche Zeit, anderes gehe schneller: "Ich will ein Rechtstraining für Frauen. Es gibt viele Rechte für Frauen in der Verfassung, von denen sie nichts wissen." So sei in Afghanistan etwas verwirklicht, worum westliche Frauen kämpfen: "Wir bekommen den gleichen Lohn wie Männer. Das war Teil der Verfassung." Und das sei nicht nur totes Recht, betont Samar: "Frauen gehen zurück an die Arbeit, und das mit dem gleichen Lohn funktioniert." Nicht dass Samar die Situation afghanischer Frauen schönreden will - aber in Debatten mit Europäerinnen sagt sie gerne Sätze wie "Die Schweizerinnen bekamen das Wahlrecht teils 1982, wir hatten es seit 1964".

Was sie denn von der Großen Ratsversammlung, der Loya Jirga, erwarte, die ab 22. Juni stattfinde? "Ich kämpfe dafür, dass 25 Prozent der Teilnehmer Frauen sind, werde mich aber mit mindestens 15 Prozent zufrieden geben." Man werde eine säkulare Verfassung beschließen, ohne monarchistische Teile, dafür mit Religionsfreiheit und rechtlicher Gleichstellung der Frau, glaubt die Ärztin, die aus der Volksgruppe der Hazara stammt und mindestens bis zur Ratsversammlung im Amt bleiben will.

1984 floh sie nach Pakistan, ihr Mann war von "sowjetfreundlichen" Afghanen ermordet worden. In Pakistan leitete sie 50 Schulen, sogar in Afghanistan konnte sie Schulen dank Hilfe der lokalen Bevölkerung organisieren: "Darum wurde ich zur Ministerin bestellt." Leicht sei ihr Leben nicht gewesen: "Ich hatte Kämpfe mit meiner Familie, damit ich tun kann, was ich will." Sie habe sich durchgesetzt - und zumindest im privaten Bereich 100-prozentigen Erziehungserfolg: Von ihrem 24-jährigen Sohn, der derzeit in den USA studiert, sagt Samar stolz: "Er ist Feminist." (Der STANDARD, Printausgabe 20.3.2002)

Von Eva Linsinger und Gerhard Plott
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