Baudrillard: Terror war Gegenschlag zu "Irrsinn der Globalisierung"

20. März 2002, 11:47
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"Der Terrorismus vollendet die Orgie der Macht, die sich in den Twin Towers verkörperte"

Wien - Der französische Philosoph, Soziologe und Medienkritiker Jean Baudrillard sieht die Terroranschläge vom 11. September des Vorjahres weder als Akte von Psychopathen noch als Ausdruck der Verzweiflung unterdrückter Völker. In einem Vortrag im Wiener Rathaus ortete Baudrillard am Montagabend die wahren Ursachen des Terrorismus im System selbst: "Das System selbst, der immanente Irrsinn der Globalisierung in seinem totalen Anspruch, hat die objektiven Bedingungen dieses furchtbaren Gegenschlags geschaffen." Je mehr dieses System seine Macht ausdehne, desto größer sei die Bereitschaft zu weiteren Terrorhandlungen: "Der Terrorismus vollendet die Orgie der Macht, die sich in den Twin Towers verkörperte."

Sinn- und zwecklos

Baudrillard spielte aber auch auf die Ohnmacht des kapitalistischen Machtsystems an: Ereignisse wie die Terroranschläge auf das World Trade Center seien "singulär" und forderten eine ebenbürtige Reaktion, die jedoch nur Verflüchtigung des Ereignisses selbst sein könne. So bleibe als einziger Ausweg aus diesem terroristischen Ereignis, das uns unvorbereitet getroffen hat, Bestürzung, Sprachlosigkeit und Unverständnis. Jedoch setze Terrorismus nichts in Bewegung, er sei sinn- und zwecklos, verdeutliche lediglich die Ohnmacht der neuen Weltordnung. Diese Ohnmacht werde sichtbar durch einen einseitigen, sinnlosen Krieg, ohne fairen Zweikampf, gegenüber einen unsichtbaren Feind. In diesem ungleichen Kampf sieht Baudrillard die USA als den eigentlichen Verlierer.

Ein Ereignis wie die Terroranschläge auf das World Trade Center vom 11. September bleibe, so Baudrillard, vor allem durch die über Medien übertragenen Bilder in Erinnerung: "Die Faszination dieses Ereignisses ergibt sich erst durch diese Bilder. Indem sie an die Stelle des Ereignisses treten, werden sie zur Realität und löschen das wirkliche Ereignis aus." Baudrillard sieht in der symbolischen Darstellung der Wirklichkeit durch eine mediale Bilderflut eine neue Informationsstrategie, die auf einen Nullpunkt hinausläuft und auf rein fiktiven, symbolischen Charakter reduziert ist.

Anhand des "Ground Zero" offenbare sich, so Baudrillard, das ganze Dilemma dieser Null-Information: "Nichts ist mehr zu sehen, außer der symbolischen Bedeutung. Die Weltmacht wurde auf ihren Nullpunkt zurückgeführt. Anstelle des Ereignisses tritt ein Bild, welches das Ereignis vollends verzehrt hat." (APA)

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