Rotes Tuch und schwarze Fahne

19. März 2002, 20:10
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Scharfe Kritik der Rathausopposition an Erhöhung der Wiener Öffi-Tarife - Die künftigen Preise im Überblick - Mit Umfrage

Wien - Rot ist eine Reizfarbe. Und jenes Tuch, mit dem die in Wien mit absoluter Mehrheit regierende SPÖ lange versucht hatte, die ins Haus stehenden Preiserhöhungen bei den Wiener Linien zu verdecken, war rot. Tiefrot. Außerdem flatterte es schon seit Monaten vor den Augen der Opposition. Kein Wunder, dass Freiheitliche, Volkspartei und Grüne in dem Augenblick, in dem es weggezogen wurde, mit voller Kraft auf das stürzten, was dahinter liegt: die neuen Tarife der Wiener Linien.

Erhöhtes Leistungsangebot

Ebenjene gaben Wiens Finanzstadtrat Sepp Rieder (SP) und Wiener-Linien-Direktor Günther Grois Montagabend bekannt. DER STANDARD berichtete. Die Ticketpreise werden am 1. Juni 2002 um durchschnittlich 8,2 Prozent erhöht. Grund: Sie seien die Anpassung an den Verbraucherpreisindex sowie das erhöhte Leistungsangebot.

Dass sie damit bei der Opposition auf wenig Verständnis stoßen würden, dürfte für Rieder und Grois keine Überraschung gewesen sein. Schon seit vergangenem Frühjahr das Thema "Gebührenerhöhung" aufgekommen war, hatten sich FP, VP und Grüne darauf eingeschossen.

Falsches Signal

Die Anhebung sei, ist sich die Opposition auch jetzt einig, ein falsches Signal, das zahlreiche Wiener dazu bewegen werde, nicht öffentlich zu verkehren. Das von der SP-Stadtregierung postulierte Ziel, den Öffi-Anteil am Stadtverkehr von derzeit 38 auf 45 Prozent zu heben, rücke so in weite Ferne.

Für FP-Chef Hilmar Kabas sind die Preise eine "Provokation", die er mit "modernem Raubrittertum" gleichsetzt: Schließlich werde der Einzelfahrschein im Fahrzeug um ganze 25 Prozent teurer. So weit, am Rathaus deshalb das Hissen der Totenkopfflagge zu verlangen, gehen allerdings weder Kabas noch VP-Landesgeschäftsführer Wolfgang Gerstl. Letzterer fände es aber angebracht, neben dem Rathausmann die schwarze Flagge aufzuziehen. Denn einerseits sei das neue Tarifblatt das Eingeständnis des völligen Scheiterns sämtlicher SP-Reformansätze, andererseits seien die Preisanhebungen "betriebswirtschaftlich nicht gerechtfertigt".

Grüne zürnen

Ins selbe Horn stoßen auch die Grünen. Für ihren Klubchef Christoph Chorherr stehen die neuen Preise für ein "Kundenvertreibungsprogramm" der Wienern Linien, die in einer verheerend defensiven Haltung" in der Verkehrspolitik einen "völlig falschen Weg" einschlügen: Anstatt die Preise anzuheben, sagte Chorherr - wie auch Kabas -, wäre eine Preissenkung bei gleichzeitiger Steigerung der Attraktivität das Mittel, mit dem neue Fahrgäste und damit ein höherer Erlös eingefahren werden könnten.

Zur Verteidigung der Preisanhebung trat am Dienstag dagegen Bürgermeister Michael Häupl (SP) an: Diese läge unter der Inflationsrate der letzten fünf Jahre. Außerdem habe der Finanzstadtrat die Öffi-Betreiber ohnehin unter ihre Forderungen gedrückt. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 20.3.2002)

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Zur Nachlese
Öffi-Tarife in Wien: Einzelticket ab Juni um 15,4 Prozent teurer - Im Vorverkauf künftig um 1,50 Euro zu haben - Jahreskarte ab 409 Euro

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