Karriere mit Recht im neuen Europa

21. März 2002, 12:32
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Die bevorstehende EU-Erweiterung bringt neue Chancen für österreichische Juristen. Das Bildungssystem reagiert aber nur sehr zögernd auf diese Herausforderung. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Wien/Linz/Krems/Salzburg/ Graz - "Es gibt einen starken Trend, dass heimische Kanzleien Dependancen in Mittel-und Osteuropa eröffnen", beobachtet Horst Ebhardt, für Human Ressources zuständiger Partner bei Wolf Theiss. Seit 1996 ist sein Rechtsanwaltsbüro, eines der größten Österreichs, in Prag vertreten, seit Anfang 2002 auch in Bratislava und Budapest.

Obwohl die meisten internationalen Firmen mit lokalen Kanzleien in den jeweiligen Staaten zusammenarbeiten, eröffnen die Märkte der künftigen EU-Länder heimischen Juristen neue Chancen, besonders jenen, die eine slawische Sprache beherrschen.

Harte Konkurrenz von Wirschaftsuni-Absolventen

"Vor allem in unserer Branche haben die Abgänger der juridischen Fakultäten in den letzten Jahren an Terrain verloren", erläutert Josef Dellinger, Personalleiter der Raiffeisen Zentral Bank (RZB), die in zwölf Ländern der Region über 500 Niederlassungen hat. "Ich würde mir für Juristen eine bessere Sprachausbildung wünschen. Oft wissen Absolventen nicht einmal, was "Rechtsmittel" auf Englisch heißt."

Blick auf ausländische Rechtssysteme

Auch die Fähigkeit, sich schnell in einer fremden Rechtsordnung zurechtzufinden hilft Jungjuristen beim Karrieresprung in die Kandidatenländer. Zwar müssen die beitrittswilligen Staaten den gesamten Rechtsbestand (den "Acquis communitaire") der EU übernehmen. Will man jedoch dort arbeiten, muss man zumindest einen Überblick über das jeweilige nationale Recht haben. Alle Systeme im Detail zu kennen sei unmöglich, aber ein Jurist mit zwei, drei Semestern in einer ausländischen Rechtsordnung sei ihm hoch willkommen, betont RZB-Personalist Dellinger.

Zögernd Richtung Europa

Die meisten juridischen Fakultäten in Österreich setzen nur zögernd auf den Zug Richtung größeres Europa. "Aufgrund des gedrängten Studienplans wäre ein solcher Schwerpunkt im Grundstudium kaum möglich", argumentiert der Linzer Dekan Heribert Franz Köck. In Salzburg gibt es immerhin Fachleute, eine Bibliothek und Lehrveranstaltungen zum Thema "Ostrecht", in Wien widmen sich Vorlesungen dem kroatischen und slowenischen Zivilrecht vergleichend.

Graz bietet Schwerpunkt Südosteuropa

Einzig Graz setzt einen großen Schritt Richtung neue EU-Länder. Die Karl-Franzens-Uni hat Südosteuropa als Schwerpunkt gewählt und ein eigenes Kompetenzzentrum gegründet, wo in der Endphase des Studiums "eine zusätzliche fachliche, kulturelle und Sprachkompetenz geboten wird", so Joseph Marko, Zentrumsgründer und bosnischer Verfassungsrichter.

Über Grenzen arbeiten

An den meisten Unis sind postgraduale Lehrgänge im Gespräch, in Krems läuft einer schon mehrere Jahre. Im Zentrum liegen dabei: das jeweilige Wirtschaftsrecht Ungarns, Tschechiens, der Slowakei, Sloweniens, Kroatiens und Polens. "Wir haben auch viele Studenten aus diesen Ländern", sagt Lehrgangsleiter Manfred Straube. Kollegen von heute seien schließlich die Kontakte von morgen.

"Österreich war immer eine Drehscheibe nach Mittel- und Osteuropa, und wenn die Erweiterung kommt, können wir noch leichter über die Grenzen arbeiten", prognostiziert auch Klaus Hoffmann, Präsident des Österreichischen Rechtsanwaltskammertages. "Ich rate jedem Jusstudenten, sich hier Zusatzqualifikationen anzueignen." (Der Standard, Printausgabe, Kirsten Commenda)

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