Kino der aufgeklärten Erinnerung: "Ghost World"

22. März 2002, 15:02
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Eine intelligente Geschichte über Jugendliche, Mädchen noch dazu

Erst Comic, nun eine brillante wie charmante Jugend-Story: Terry Zwigoffs "Ghost World"


Enid und Rebecca haben ihren Highschool-Abschluss geschafft: Der Sommer der Entscheidungen ist gekommen - was die beiden fröhlich ignorieren: Sie lungern herum, spintisieren vor sich hin, tempus fugit. Wie immer.

Eines Tages, als Nachspiel eines ihrer Streiche, lernen sie Seymour kennen: einen sich scheinbar ebenfalls durch den Tag stehlenden Sammler von Schellack-Platten. Enid verbringt immer mehr Zeit mit ihm, während Rebecca einen Ferienjob annimmt. Ihre Wege scheinen sich langsam zu trennen ...

Rebecca und Enid

Ursprünglich war Ghost World eine von 1993 bis 1997 unregelmäßig erscheinende Serie in Eightball, Indie-Comic-Ikone Daniel Clowes' halbjährlichem Magazin.

Die einzelnen Episoden haben, bis auf die Protagonistinnen sowie die eine oder andere herumstromernde Nebenfigur, keinen tieferen Zusammenhalt - erst die letzten beiden Geschichten versuchen dem Ganzen eine gewisse Kohärenz, Rundheit zu verleihen. Regisseur Terry Zwigoff und Clowes hatten bei ihrer Adaption also allerhand zu tun - und was dabei herauskam, ist schlichtweg brillant:

Was dem Comic fehlt, und was er auf Grund seiner ursprünglichen Konzeption auch nicht braucht, ist erst einmal ein zeitlicher, vor allem aber ein gewisser emotinaler Rahmen: Enid und Rebecca müssen mit der Welt interagieren. Sie brauchen eine Bezugsperson, einen Widerpart, woraus der Film dann seine Probleme, seinen Zug, seine Dichte entwickelt. Dieser Charakter ist Seymour: eine Figur, die in der Vorlage nur einmal, namenlos, in Episode 5 auftaucht.

Zu Beginn wirkt der Film, als wollte er sich wie seine Vorlage in wohlgemuter Tagedieberei ergehen. Etwa ab der Mitte entwickelt er dann aber eine völlig eigene Dynamik: Enid und Rebecca werden von der Welt in die Verantwortung genommen, sie müssen erwachsen werden. Was Rebecca durch schlichte Anpassung gelingt und Enid durch instinktive Verweigerung nicht - weshalb sich die Geschichte auch immer mehr auf Enid konzentriert.

Alles zu seiner Zeit

Zwigoff (Crumb) findet in seinem Spielfilmdebüt ein perfektes Äquivalent zu Clowes' unprätentiösem Realismus: abgeklärte Bilder mit kräftigen, kontrastreichen Farben (Jim McBrides Stammkameramann Affonso Beato in Höchstform), in denen genug Raum ist, damit alles passieren kann - zu seiner Zeit.

Zwigoff hat einen verstockt-jazzigen Sinn für Timing, das immer ein bisschen daneben, in sich aber so konsistent ist, dass daraus ein eigener Rhythmus, ein Fluss des Zauderns wie Abwägens wird.

Das schlussendlich Schönste an Ghost World ist aber, dass hier endlich einmal eine intelligente Geschichte über Jugendliche - zudem junge Frauen - erzählt wird, in einem entspannt-erwachsenen Tonfall: ein Kino der aufgeklärten Erinnerung. (O. Möller - DER STANDARD)

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