Der Aidsstecher

25. März 2002, 16:33
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In Oberösterreich haben sie Angst. Weil da angeblich einer mit einer Spritze durch Diskos hirscht ...

In Oberösterreich haben sie Angst. Weil da angeblich einer mit einer Spritze durch Diskos hirscht und Leute piekst. Und weil da die Angst vor HIV mitschwirrt. Bisher ist zwar nix wirklich passiert, aber: Welchen Journalisten stört sowas? Zur Historie: Die besagt, dass die Mär aus dem bayrischen Diskothekenraum stammt. Als Teil einer Diskothekenbetreiberfehde. Seit 2000, schreibt man, gäbe es sie. In den Diskotheken seien Zettel aufgelegt worden, in denen Besuchern fürs Weitererzählen mit Klagen gedroht wird. Einen besseren Gerüchtebeschleuniger gibt es nicht.

"Hallo Nachbar"

Dass das alles nix heißt, ist wurscht: Durch Recherche lässt sich unsereiner keine Geschichte kaputt machen. Die Geschichte vom Aidsstecher ist nämlich älter als zwei Jahre. Mir ist sie Mitte der Neunziger Jahre erstmals zugelaufen. Im - völlig kranken und leider eingestellten - Favoritner Gratisblatt "Hallo Nachbar" (das bezeichnender weise von jenem Herrn gemacht wurde, der sich bei der letzten Wiener Gemeinderatswahl nicht zwischen Rück- und sonstigen Tritten seiner FPÖ-Kandidatur entscheiden konnte). "Hallo Nachbar" berichtete jedenfalls vom Aidsstecher in der U-Bahn. Das polizeiliche und gesundheitsamtliche Beharren, von derartigen Umtrieben nichts zu wissen wurde als Indiz für die Angst der Behörden vor der Panik der Bevölkerung gewertet.

Stille-Post-Spielen

"Hallo Nachbar" war noch besser: Drei Wochen später präsentierte die recherchierende Kollegin den ultimativen Beweis: Ein Opfer. Gestochen, infiziert, von den Behörden zum Schweigen gebracht. Die Kollegin war stolz. Und kooperativ. Sie vermittelte einen Kontakt. Nicht zum Opfer, aber zu dessen "bester Freundin". Immerhin: Die Freundin leitete mich ohne Umstände weiter. Das Opfer war baff: "Ich hab das in einer Zeitung gelesen und dann einer Kollegin im Büro erzählt." Beim Stille-Post-Spielen gehen mache Informationen halt verloren. Und eine schöne Geschichte wird durch Nachfragen selten schöner.

Damals war ich noch naiv. Ich glaubte an die aufklärerische Kraft des geschriebenen Wortes. Aber der einzige Effekt meiner Story war, dass die Kollegin von "Hallo Nachbar" mich beschimpfte. Dann redete sie über ein Jahr kein Wort mit mir.

Ihrer Karriere hat das nicht geschadet: Nach dem Favoritner Blatt war sie - unter anderen - Redakteurin einer großen Tageszeitung. Angeblich auch bei einem bunten Nachrichtenmagazin. In dieser Zeit gab es einmal eine Geschichte von einem Aidsstecher im Prater - aber da hatte ich die Kollegin schon lange aus den Augen verloren.

Kollegen sagen, sie sei nach Deutschland gegangen. In den bayrischen Raum. So um das Jahr 2000 soll das gewesen sein. Aber was heißt das schon.

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Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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