Schmerz lindern ohne Nebenwirkungen

18. März 2002, 20:21
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Grundlagen für moderne Schmerzmittel

Innsbruck/Wien - "Wir haben in unserem Labor bisher schon viel versprechende Analgetika entwickelt", sagt Helmut Schmidhammer vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Uni Innsbruck zum STANDARD: "Jetzt gehen wir einen Schritt weiter und wollen die Schmerztherapie grundlegend verändern."

Wenn Schmidhammer von Analgetika - Schmerzmitteln - spricht, dann meint er keine Kopfwehpulver, sondern Medikamente zur Linderung extrem starker Schmerzen, wie sie bei Tumoren, aber auch etwa bei rheumatischen Erkrankungen zum Einsatz kommen. Hier therapiert man derzeit mit Opoiden, vor allem Morphin und morphinähnlichen Substanzen, die allerdings von schweren Nebenwirkungen begleitet sein können, von Suchtgefahr über Übelkeit, Verwirrtheit und Benommenheit bis hin zu Verstopfung, einer besonderen Plage für die bettlägrigen Patienten.

Geringe Nebenwirkung

"Wir haben eine neue Substanz gefunden, 14-Methoxymetopon, die wesentlich geringere Nebenwirkungen hat als Morphin", erklärt Schmidhammer, "und aus ihr haben wir noch wirksamere Substanzen entwickelt, von denen man sehr viel geringere Dosen braucht." Diese Entwicklung bedient sich modernster Techniken - "computer aided drug design" -, aber auch des ganz traditionellen Nachdenkens darüber, wie die Struktur eines Wirkstoffs optimiert werden kann.

Warum 14-Methoxymetopon wirkt wie Morphin, aber nebenwirkungsärmer ist, obwohl es sich im Gehirn auf dieselben Rezeptoren setzt, weiß Schmidhammer noch nicht genau. Aber wie er es verbessern kann, ist ihm mit seiner Gruppe schon eingefallen: "Wir wollen weg vom Gehirn." Traditionelle Medikamente bekämpfen starke Schmerzen nicht dort, wo sie entstehen, sondern dort, wo sie hingemeldet werden, im Gehirn. "Aber man weiß etwa von Knieschmerzen, dass Morphin, das direkt ins Gelenk gespritzt wird, wunderbar wirkt. Es braucht überhaupt nicht den Umweg über das Gehirn."

Keine Nebenwirkung

Im Gegenteil: Könnte man die Medikamente einfach schlucken und zugleich verhindern, dass sie in das Gehirn gelangen, hätte man Wirkung ohne jene Nebenwirkungen, die vom Gehirn vermittelt werden. Exakt daran arbeitet Schmidhammer mit FWF-Unterstützung: chemische Tricks, mit denen sich der Übergang der Analgetika von der Blutbahn ins Hirn (über die Blut-Gehirn-Schranke) verhindern lässt.

An Versuchsmäusen funktioniert das, "aber bis wir erste klinische Tests an Menschen machen können, brauchen wir noch Zeit", muss Schmidhammer um Geduld bitten, "in vier, fünf Jahren ist es hoffentlich so weit". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 3. 2002)

Von Jürgen Langenbach
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