Schreiben gegen die Leere

18. März 2002, 20:01
posten

Erste systematische Erforschung der Terra incognita Roma-Literatur

Innsbruck - "Als Roma- oder Sinti-Autor bzw. -Autorin an die Öffentlichkeit zu treten bedeutet bis heute, sich auszusetzen", erklärt Beate Eder-Jordan vom Institut für Sprachen und Literaturen der Uni Innsbruck. "Einige dieser Schriftsteller haben ihre Herkunft erfolgreich Jahre und Jahrzehnte verheimlicht, um den Diskriminierungen zu entgehen, denen Roma und Sinti ausgesetzt sind." Nicht zuletzt wegen dieser Ängste und der traditionell mündlichen Textüberlieferung ihrer Kultur, entwickelte sich erst im 20. Jahrhundert zaghaft eine eigene Literatur.

Mit der Herausgabe eines Sammelbandes zu deren Entstehung und Rezeption in verschiedenen Ländern wollen die Innsbrucker Forscher, vom Wissenschaftsfonds unterstützt, nun einen ersten Einblick in das noch junge Kapitel der Literaturgeschichte geben. "Wir haben bereits viele Beiträge von Experten über die Roma-Literatur etwa in Tschechien, der Slowakei, Bulgarien, Polen, Italien, den Ländern der GUS und des Baltikums."

Parallel dazu werden auch Themen wie Sprache, Musik, Bibelübersetzungen oder Folklore in eigenen Kapiteln bearbeitet. Das Gros der angeführten Texte entstand ab den 60er-Jahren. Die Schrecken der Naziverbrechen an den "Zigeunern" waren lange genug vorbei, gleichzeitig versuchten einige Regierungen, die ungeliebte Minderheit gesellschaftlich "nutzbar" zu machen, etwa indem man sie aus der Slowakei in tschechische Fabriken holte.

Durch Auflösung vieler traditioneller Siedlungen mit ihrem engen sozialen Zusammenhalt und der lebhaften Erzählkultur fielen diese Menschen in ein kulturelles Vakuum, das nicht nur die Erfahrung von Isolation mit sich brachte, sondern auch die Entdeckung, dass Schreiben die Leere zu füllen vermag: "Ich fühle mich so einsam, eingesperrt im modernen Stadtviertel, ohne Roma, mit denen ich sprechen könnte. So muss ich schreiben, um nicht verrückt zu werden", bekannte die slowakische Roma-Autorin Margita Reiznerová einmal in den 80ern.

Thema Verfolgung

Über alle formalen und inhaltlichen Unterschiede hinweg verbindet die einzelnen Werke der Roma-Literatur vor allem das Thema der erlittenen Diskriminierung und Verfolgung. Womit nicht nur der Beinahe-Völkermord während der NS-Zeit gemeint ist, sondern ebenso die auch nach 1945 weitgehend ungebrochene Anfeindung dieser Volksgruppen in den jeweiligen Ländern. "Oft", so Eder-Jordan, "kommt der Literatur die Funktion zu, kaum erträgliche Lebenserfahrungen aufzuarbeiten." Zu einer gewissen Bekanntheit gelangt sind die Autobiografien von Ceija Stojka ("Wir leben im Verborgenen") oder Philomena Franz ("Zwischen Liebe und Hass"). (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 3. 2002)

Von STANDARD-Mitarbeiterin Doris Griesser
Share if you care.