Josef Thalhamer, der Bauer als Visionär

18. März 2002, 20:00
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Ziegen, Meerschweinchen und Kaninchen für erste Forschungsprojekte züchtete der Salzburger Josef Thalhamer einst auf dem eigenen Anwesen. Die Honorare der Pharmafirma Elf-Sanofi, für die er als Spezialist für Antikörperproduktion zwei Jahre lang nach Toulouse pendelte, säte er in die Vergrößerung seiner Arbeitsgruppe am Salzburger Uni-Institut für Chemie und Biochemie. "Ich habe sofort ein Institutskonto eröffnet - für die Gehälter der Mitarbeiter und für meine Reisen. So haben alle ganz gut gelebt."

Seit zwei Jahren macht der Immunologe mit seinen Gen-Impfstoffen gegen Malaria, Borreliose und Allergien Schlagzeilen. Internationale Journale kennen ihn schon länger, und durch sie wurde Elf 1989 auf ihn aufmerksam.

1953 in Henndorf am Wallersee, "einem kleinen kultivierten Dörfchen, wo Zuckmayer und Ödon von Horváth sich niedergelassen hatten", geboren, wäre der musisch begabte Enkel von Bauersleuten und Handwerkersohn am liebsten ans Mozarteum gegangen - "wenn die eine Blues-Abteilung gehabt hätten". So fiel die Wahl auf "etwas Vernünftiges": die Biochemie. Sie barg, damals noch an der philosophischen Fakultät angesiedelt, für den naturverbundenen Mann eine große Chance: Als Gegenpol zum Vordringen in immer kleinere biologische Einheiten gewann Thalhamer in der philosophischen Ausbildung einen Blick für große Zusammenhänge - optimale Voraussetzungen für eine ganzheitliche Disziplin wie die Immunologie.

"Wenn wir einen Impfstoff entwickeln, müssen wir zuerst auf molekularer und zellulärer Ebene die Strategie des Erregers kennen. Daraus ergibt sich die Gegenstrategie", umreißt der Forscher etwa das Prinzip der Immunisierung. "Funktionieren muss das dann aber auf der Ebene des Gesamtorganismus." Die Immunprozesse laufen analog zu jenen im Bewusstsein. "Ein ,Selbst' in Harmonie", sagt Thalhamer, "akzeptiert sich und kann sich gut vom ,Anderen' differenzieren. In Bedrängnis muss es zu seinem Schutz je nach Situation defensiv oder aggressiv reagieren. Genauso muss das Immunsystem täglich für Myriaden von Zellen die richtigen Reaktionen auf Kontakte mit der Außenwelt bestimmen."

Das beginnt beim Essen: "Ein Brathenderl stellt keine Aggression dar. Das Immunsystem reagiert also tolerant. Aber wenn sich im Henderl Salmonellen tummeln, macht es mobil." Hinter dem Beispiel verbirgt sich das neue Paradigma der Immunologie. Die Aufgabe des Immunsystems besteht demnach weniger im Abgrenzen zwischen eigen und fremd als im Bewahren einer vernünftigen Integrität - eine schöne Analogie zur interkulturellen Gesellschaft. Wohl kein Zufall: Thalhamers Frau ist Integrationslehrerin. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 3. 2002)

Von STANDARD-Mitarbeiterin Johanna Geissler
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