Haderer auf den Index!

19. März 2002, 18:55
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19. März 2002

Im Kampf der Kulturen hat am Wochenende unter Beihilfe der "Presse" ein Fundamentalismus, wie er sonst nur noch in gemäßigten Koranschulen gepflegt wird, den Sieg über einige Krebsübel der westlichen Gesellschaft davongetragen, so da sind Freiheit der Kunst und Recht auf freie Meinungsäußerung. Seine Eminenz, der Kolumnist der "Kronen Zeitung" und Erzbischof von Wien Christoph Schönborn, hat sich bemüßigt gefühlt, eine Fatwah gegen den Karikaturisten Gerhard Haderer vom Stapel zu lassen, ist er doch zu dem inquisitorischen Urteil gelangt, dieser hat sich bemüßigt gefühlt, den Herrn Jesus Christus zum Gegenstand seines Spottes zu machen. Ich protestiere gegen Gerhard Haderer! donnerte er von der Kanzel des Gastkommentars, und gegen den Verlag Ueberreuter gleich mit.

Dem religiös gefestigten Genießer der Evangelienharmonie Haderers "Das Leben des Jesus" fällt es nicht schwer, deren blasphemischen Kern bloßzulegen, bringt es darin doch eine Figur, nachempfunden jenem heimischen Politiker, der sich zum Kanzler empor gelogen hat, bis zum Jünger Jesu und Teilnehmer am letzten Abendmahl. Dagegen zu protestieren, wäre dem Kardinal wohl angestanden.

Er aber, des Herrenwortes über allzu eifrige Kunstrichter in eigener Sache nicht achtend (Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet, Matthäus 7,1), verhärtete sein Herz gegen die Botschaft Haderers und fühlte sich bemüßigt zu protestieren, im Namen der vielen Menschen in diesem Land, die sich nicht daran gewöhnen können, daß der Glaube, auf den sie ihre Leben bauen, permanent verhöhnt, lächerlich gemacht wird, die sich nicht damit abfinden können, daß die Symbole ihres Glaubens mißbraucht werden, bevorzugt im Namen der Freiheit der Kunst.

Die taxfreie Berufung auf die vielen Menschen in diesem Land, wenn es darum geht, vom Eigentlichen abzulenken, weist den Kardinal als gut eingearbeiteten "Krone"-Kolumnisten aus. Denn nicht Jesus - bei Haderer ein durchaus patenter, stets leicht weihrauchbekiffter Jüngling -, wird da in einer Weise zum Gegenstand des Spottes, die im 21. Jahrhundert solch kirchenzensorische Inbrunst rechtfertigen könnte. Den wahren Gegenstand des Spottes verkennt er geflissentlich, wieder einmal der Bergpredigt nicht eingedenk, wo es heißt: Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, merkst aber in deinem eigenen Auge den Balken nicht.

Es sind die Jünger Jesu, die sich an ihm bereichern, seine Vermarkter, auf die der Künstler zielt. Dazu fällt Schönborn aber nur ein: Wenn Gerhard Haderer die "Kirchenfürsten" im Visier hatte - ich vermute, er meint damit uns Bischöfe -, dann hätte ich es ertragen, vielleicht sogar über seine Karikaturen gelacht. Nun, er hat sie nicht nur gemeint, sondern das bei der Präsentation seiner Ketzerei ausdrücklich gesagt, und Schönborn zitiert es auch, will sich aber lieber im Namen der vielen Kinder und Alten, einfachen Menschen und Akademiker, die wehrlos darunter leiden, eber der vielen Menschen in diesem Land moralisch entrüsten als im eigenen Namen - vielleicht - lachen.

Die eminenzliche Entrüstung kennt keine Grenzen. Ich schäme mich vor Menschen anderer Kulturen und Religionen: Welchen Eindruck müssen sie von einer Gesellschaft haben, die schweigend oder gar witzelnd einen solchen Umgang mit dem Stifter jener Religion hinnimmt, die das Antlitz dieses Landes zutiefst geprägt hat? Ohne Ehrfurcht vor dem Heiligen wird bald uns Menschen nichts mehr heilig sein, auch nicht der Nächste.

Mit solchen Aussagen bringt er vor allem den Stifter jener Religion in Verlegenheit, die das Antlitz dieses Landes unter Beteiligung etlicher "Kirchenfürsten" tatsächlich zutiefst geprägt hat, nämlich Hans Dichand und seine tägliche Offenbarung. Da lässt man den Kardinal einmal die Woche eine einschlägige Kolumne schreiben, um gläubigen "Krone"-Lesern den Weg in die Sonntagsmesse zu ersparen, aber wenn er endlich einmal einen volkstümlichen Aufruf zur verbalen Steinigung eines Künstlers loslässt, dann veröffentlicht er den in der "Presse"! Prinzipiell auch nicht falsch, aber er wird sich doch nicht auf einmal vor Menschen anderer Kulturen und Religionen für die "Krone" schämen?

Obwohl - welchen Eindruck müssen diese von einer Gesellschaft haben, die einen solchen Umgang mit dem Stifter einer Religion hinnimmt, wie das die Adabei-Gesellschaft des Kleinformats am 9. März getan hat? Hundsgemein, bissig, abgründig, hinreißend, fand der Kolumnist den Strich des oberösterreichischen Karikaturisten, Satire-Zeichners und Illustrators. Sogar Michael Jeannée ward die Gnade eines kurzen Zungenplatzregens zuteil, die ihm das fachgerechte Urteil zu fällen erlaubte: Seine "Jesus-Biographie" ist ein Frontalangriff auf die Kirche. Vom Adabei selber kommt keine Spur eines Protestes gegen Gerhard Haderer - und er ist Experte für das oberflächliche Spekulieren mit dem Skandal, oder, heute wohl noch weiter verbreitet, das banale "Geblödel" mit allem und jedem, über das der Kardinal sonst - vermutlich - doch lachen kann.

So blieb der "Krone" am Sonntag nichts anderes übrig als aus der "Presse" den Protest ihres eigenen Kolumnisten gegen das abzudrucken, was ihr eigener Adabei hinreißend gefunden hatte. Wahrlich, verschlungen sind die Wege des Herrn. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 19. März 2002)

Von Günter Traxler
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