Der verrückte Geist der großen Weltliebe

22. März 2002, 10:38
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Luise Rinser (1911 - 2002)- Die Erfolgsautorin mit politischem Gewissen starb an Herzversagen

von Richard Reichensperger

München – Die Gattung "Nachruf" verlangt Ernst. Über Luise Rinser, die 1911 in Pitzling (Oberbayern) geboren wurde und am Sonntag in einem Stift bei Unterhaching an Herzversagen starb, wurde manchmal aber auch geschmunzelt: Liebesbriefe an den Konzilstheologen Karl Rahner, eine Fülle von intimen Tagebüchern der Erfolgsautorin, in hohem Alter noch Besuche beim Dalai Lama, Mädchenschwärme, die bei Lesungen zu ihren Füßen kauerten – Luise Rinser war ein Phänomen der gezähmten Alltagskultur. 1984 kandidierte sie gar für die Grünen bei den deutschen Bundespräsidentenwahlen. Es gewann Richard v. Weizsäcker.

Im Ernst lässt sich sagen: Luise Rinser war die erfolgreichste Katholikin des deutschen Sprachraums. Und darin liegt auch das doppelte Problem, das literarische und das katholische. Ihre Romane, Erzählungen, Tagebücher waren immer Bestseller: Von Die gläsernen Ringe (1941) über Geh fort, wenn du kannst (1959) bis zu Den Wolf umarmen (Autobiographie, 1981), Mirjam (1983) und Abaelards Liebe (1991).

Gegen den Erfolg ist nichts zu sagen. Literatur ist ein weites Feld, und warum sollte einigen nicht auch großer Erfolg gegönnt sein? Aber dennoch darf gefragt werden, warum eine relativ einfache Literatur wie diejenige von Luise Rinser im kirchlichen Raum so gerne als Inkarnation "moderner Dichtung" zitiert wird (auf Einladung von Kardinal Christoph Schönborn las Romuald Pekny vergangenen Freitag im Stephansdom Luise Rinsers nachdenkliche Fassung von Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuz).

Ein Zitat aus Luise Rinsers Aufzeichnungen zeigt die Grenzen katholischer Ästhetik: "Ostermorgen. Vor Sonnenaufgang im Garten. Unter den Eichen ein Teppich aus blauen Anemonen. Ich erbitte mir ein Zeichen, einen himmlischen Gruß. Mitten unter hunderten Anemonen erscheint eine weiße. Eine einzige weitum." – Ja: Gott erfüllt natürlich den Wunsch von Auserwählten und lässt die eine weiße Anemone extra erblühen: Das ist die Struktur der meisten Predigten.

Erweckungserlebnisse können aber auch leicht politisch kippen: In ihrem Tagebuch einer Nordkoreareise beobachtet Luise Rinser den Diktator Kim-Il-Sung beim Fischen: "Schließlich hing eine besonders große Forelle an der Angel. Er warf sie zurück, und als ich ihn fragte, weshalb, sagte er: ’Weil es ein weiblicher Fisch ist, den wir zur Reproduktion brauchen.‘" Das fand sie schön.

Aber solche Beobachtungen gehörten auch zu ihr. Positiv: Luise Rinser war immer offen, viele Jugendliche besuchten sie, und sie glaubten alle an "Liebe". – Martin Buber, so notierte Rinser, habe sie einmal gefragt, wen die "Liebe" ihrer Bücher meine. Ihre Antwort: "Die Menschheit." Darauf Buber: "Man kann nur konkret lieben."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.03. 2002)

Weitere Bücher von Luise Rinser unter derstandard.at/buchshop
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