Der Jauch von nebenan

19. März 2002, 16:24
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Christoph Schlingensiefs "Quiz 3000" gibt die TV-Rateonkel der Lächerlichkeit preis

Christoph Schlingensief rührt weiter um im bundesdeutschen Gemütsleben: Mit seinem "Quiz 3000 - Du bist die Katastrophe" gibt er an der Berliner Volksbühne die TV-Rateonkel der Lächerlichkeit preis.

Von Christian Kageneck


Berlin - Am Anfang steht die Provokation - das war bei Christoph Schlingensief schon immer so. Der selbst ernannte Berufsrebell ist noch längst nicht ans Ende seiner Provokationen gelangt. Diesmal hat er die gute alte Quizshow aufs Korn genommen. Nichts ist schlimmer für einen Berufsprovokateur, als wenn ihm die Feinde ausgehen. Das ist zu Schlingensiefs Problem geworden: Schon in seiner letzten Show, Rosebud, über einen Frankfurter Zeitungstycoon musste er eine Niederlage einstecken.

FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, den er unter der Gürtellinie zu treffen hoffte, zieht mit seinem Feuilleton in Berlin ein. Womöglich macht er Schlingensief noch ein Angebot: Querulanz für Quoten. So werden Kritiker befriedet, und die Brandstifter sterben aus. Gala heftet sich den russischen Erfolgsschriftsteller Wladimir Kaminer mit hübschen Sümmchen ans Revers. Dieser bedankt sich süßholzraspelnd ("Gala ist Deutschlands bester Götterbote!").

Jeder ist käuflich. Das hat Schlingensief klar erkannt, und der Kölner Filz bestätigt es. Im neuen Quiz 3000 - Du bist die Katastrophe, uraufgeführt an der Berliner Volksbühne, legt sich Schlingensief mit dem guten alten Ratespiel an. Seit Robert Lembke und seinem "Welches Schweinderl wollen S’ denn haben?" saßen nicht mehr so viele Deutsche vor der Flimmerkiste. "Wissen lohnt sich", ein Spruch der alten Lateiner, hat die Gegenwart mit der höchsten kapitalen Trefferquote erreicht. Und niemand musste sich bis dato dafür schämen.

Auf der unaufgeräumten Volksbühne nehmen 14 von Telefon-Scouts aufgespürte Kandidaten Platz. Es sind markante Typen darunter: ein Serbe im Mafia-Outfit, ein kahler Physiker und eine schrille Kandidatin von der PDS. Alles hat den Anschein von Reality-TV. Schlingensief ist im mausgrauen Jauch-Anzug mit passender Krawatte angetreten. Die Fragen beziehen sich auf die deutsche Geschichte der Verdrängung.

"Ordnen Sie folgende Konzentrationslager von Nord nach Süd A: Auschwitz, B: Bergen-Belsen, C: Dachau." Das wissen viele. Keine Trefferquote für den Jauch-Vertreter. Doch dann: "Wie viele Kurden wurden aus Deutschland in die Türkei ausgewiesen und dort zu Tode gefoltert?" Hier versagen die Kandidaten reihenweise und schießen weit übers Ziel. Schlingensief: "Leider falsch. Es waren sieben!"

Jauch/Schlingensief setzt ein bubenhaftes Grinsen auf und frohlockt über die Versager. Political Correctness und Zuschauerverhalten liefern sich vor den aufzeichnenden Kameras erstaunliche Gefechte. Der Drang zur rücksichtslosen Unterhaltung auf hohem Niveau überschreitet jedwede Furcht vor dem Tabu des Unaussprechlichen.

Ein öffentlicher Talkmaster kann alles, weiß alles, darf alles. Das Publikum wiederum weiß nichts, kann nichts und wird mit guter Laune bezahlt. Mit dieser Prämisse lässt sich überall auf der Welt gutes Geld verdienen, weil die Quote stimmt.

Schlingensief machte deutlich, dass er sein Publikum traumsicher dahin bekommt, alle Schranken des guten Geschmacks zu unterlaufen. Dass er dabei als Mephisto im Schafspelz auftrat, ist ihm nicht anzukreiden. Erst in der TV-Sendung in ein paar Tagen wird manchem im Publikum ein Licht aufgehen. Und die Katharsis einsetzen. Dann könnte der Hohlspiegel zum Zerrspiegel werden.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.03. 2002)

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