Flexibilität und Kooperation - Alexandra Föderl-Schmid

18. März 2002, 19:16
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Die österreichische Tourismusbranche kann die Krise durchaus als Chance nützen

Die Tourismusbranche hat als Folge der Terroranschläge in den USA die schwerste Krise ihrer Geschichte durchgemacht. Auch wenn die Aussteller auf der weltweit größten Reisemesse, der Internationalen Tourismusbörse in Berlin, wieder optimistisch in die Zukunft blicken, so ist doch klar, dass nichts mehr so sein wird wie vor dem 11. September.

Es zeichnet sich eine Umorientierung in der Branche ab, die auf ein Land wie Österreich beträchtliche Auswirkungen haben wird. Immerhin betrug die direkte und indirekte Wertschöpfung des Tourismus im Jahr 2001 19,4 Milliarden Euro, was 9,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Österreich ausmacht. Gemessen an den Pro-Kopf-Einnahmen aus dem internationalen Reiseverkehr sind die Österreicher mit 1636 Euro weltweit sogar an der Spitze.

Stärkere Flexibilisierung

Vorbei sind die Zeiten, in denen der Urlaub Monate im Voraus fix gebucht wird. Wie in anderen Industriezweigen auch muss sich die Tourismusbranche auf eine stärkere Flexibilisierung einstellen. Die Nachfrage nach Reisen wird immer schwerer zu kalkulieren. Das hat Auswirkungen auf viele Wirtschafts- und Gesellschaftsbereiche: von den Saisonarbeitern bis zu Marketingunternehmen, die sich wohl häufiger kurzfristige Kampagnen einfallen lassen müssen. Für Urlauber heißt dies, es gibt aufgrund der Verringerung des Sitzplatzangebots von Fluglinien weniger Auswahl, andererseits wird häufiger mit gezielten Preisrabatten gelockt.

Es muss auch mehr Flexibilität bei den Angeboten geben: Im Vorjahr lag die mittlere Aufenthaltsdauer eines ausländischen Gastes in Österreich bei 4,6 Tagen. Die Betriebe müssen sich darauf einstellen, dass Ein-Wochen-Angebote nicht mehr gefragt sind. Zum Schaden muss das nicht sein, denn wie eine Studie gezeigt hat, geben Kurzurlauber in vier Tagen mehr Geld aus als in zehn Tagen Haupturlaub.

Österreich kann sich auch dem Trend nach All-inclusive-Angeboten nicht entziehen. Es ist nicht gerade förderlich, wenn sich ein Reiseveranstalter aus Übersee die Mühe machen muss, in einem Ort vom Skiverleiher bis zum Bademeister und den einzelnen Gasthäusern alle abzufragen, um einen Preis für ein Gesamtpaket schnüren zu können. Hier ist neben Flexibilität auch Kooperationsbereitschaft eine Voraussetzung. Ein Hotelbesitzer, der ein Hallenbad hat, muss sich dann mit dem Nachbarn arrangieren, der ein Solarium anbietet. In diesem Bereich ist noch viel Bewusstseinsbildung notwendig, um herkömmliche Vorstellungen und Gräben zu überwinden.

Trend zur Pauschalreise

Nach den Erfahrungen mit den Terroranschlägen gibt es auch einen Trend zur Pauschalreise, die Gefühle von Sicherheit und Aufgehobensein vermittelt. Dazu zählt auch die Kalkulierbarkeit, schon vorab in etwa zu wissen, was der Urlaub kostet.

Österreich kann als Nahziel der Deutschen punkten. Die Urlauber aus Deutschland - 46 Prozent aller Gäste kommen aus der Bundesrepublik - verzichten unter dem Eindruck der Terroranschläge auf Flugreisen. Davon sind nicht nur Fernreiseziele wie die Dominikanische Republik betroffen, sondern auch Destinationen in Europa wie Spanien. Gefragt sind Orte, die gut mit dem Auto und per Bahn erreicht werden können.

Allerdings kommt noch ein zweiter Faktor hinzu: Angesichts der gerade in Deutschland angespannten Konjunkturlage und der damit verbundenen schmäleren Geldbeutel der Erholungssuchenden wird es mehr denn je auf das Preis-Leistungs-Verhältnis ankommen.

In diesem Bereich haben österreichische Betriebe einiges gutzumachen. Zu Recht wurde und wird in Deutschland häufig über "Abzocker in der Alpenrepublik" geklagt. Auch wenn es nur einige schwarze Schafe sind, so ist beträchtlicher Imageschaden entstanden. Mit einer Qualitätsoffensive kann dem begegnet werden. Für den heimischen Fremdenverkehr kann die Krise in der Tourismusbranche insgesamt durchaus eine Chance sein. (DER STANDARD, Printausgabe 19.3.2002)

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