Parodontitis schuld an Frühgeburten: Studienleiter Martin Ulm weiß mehr

25. März 2002, 14:40
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An jedem zweiten Fall von Frühgeburt oder zu geringem Geburtsgewicht sind im Zahnfleisch lebende Paradontitisbakterien schuld. Zu dieser Erkenntnis führte eine aktuelle Studie an der Abteilung für Pränatale Diagnostik am Wiener AKH. Mymed.cc sprach mit Studienleiter Prof. Martin Ulm.

Das Interview führte Doris Simhofer

mymed: Herr Professor, die Rate der Frühgeburten ist in Österreich leicht angestiegen und beträgt derzeit etwa 6 Prozent aller Geburten. Woran liegt das?

Ulm: In erster Linie sind Risikofaktoren wie Alter, Infektionen, Rauchen oder Alkoholkonsum an diesem Trend schuld. Wir konnten jedoch jetzt nachweisen, dass auch Parodontalkeime einen maßgeblichen Risikofaktor darstellen.

mymed: Wie hoch ist dieses Risiko im Vergleich zu den "klassischen" Risikofaktoren?

Ulm: In Amerika gehen Wissenschafter davon aus, dass das Risiko einer Frühgeburt wegen Paradontitis-Bakterien ähnlich hoch ist wie bei Raucherinnen oder älteren Frauen. Nach unseren Erfahrungen schätzen wir die Situation in Österreich jedoch nicht so dramatisch ein. Dennoch: Unsere Studie hat gezeigt, dass 50 Prozent aller Parodontitis-Patientinnen, bei denen spezifische Parodontalkeime im Blut vorhanden waren, eine Frühgeburt hatten oder ein Baby mit zu geringem Geburtsgewicht zur Welt brachten. Unsere Erkenntnis ist daher, dass es zwei Arten von Infektionen gibt, die für das Baby gefährlich sind. Bakterien, die von der Scheide aus aufsteigen, aber auch solche, die über das Blut den Fötus erreichen.

mymed: Wie kann ein Risiko durch Parodontalkeime festgestellt werden?

Ulm: Der Nachweis erfolgt durch einen einfachen Bluttest. Darüber hinaus gibt es definitiv einen Zusammenhang zwischen bakteriellen Abbauprodukten und einer Erhöhung von Zytokinen und Endotoxinen als Ausdruck einer Entzündung. Im Rahmen unserer Studie untersuchten wir auch das Fruchtwasser. Interessanterweise kommen diese Keime aber dort nicht vor. Das kann daran liegen, dass eine Routine-Amniozentese bereits in der 16.-18. Schwangerschaftswoche durchgeführt wird, die Keime jedoch noch in späterer Folge weiterwandern können. Darüber haben wir noch keine spezifischen Erkenntnisse.

mymed: Welche Therapiemöglichkeiten gibt es bei Infektionen mit Parodontalkeimen?

Ulm: Bei Schwangeren ist der Einsatz eines Softlasers zu empfehlen. Zunächst wird das Zahnfleisch mit einem blauen Farbstoff eingestrichen, der sich an der Außenhülle der Bakterien anlagert. Dann tötet das Laserlicht gezielt die Parodontalkeime ab. Die Behandlung ist völlig schmerzfrei und sollte alle vier Wochen wiederholt werden.

mymed: Welche Risiken bestehen dadurch für Mutter und Kind?

Ulm: Es besteht kein reproduktionstoxikologisches Risiko. Wir empfehlen diese Behandlung jedoch nicht im ersten Schwangerschafts-Drittel, da in dieser äußerst sensiblen Phase grundsätzlich jeder medizinische Eingriff vermieden werden sollte. Günstig wäre ein Behandlungsbeginn im 2. Trimenon, auch im Hinblick darauf, dass - wie wir aus oben genannten Fruchtwasseranalysen wissen - die Keime nicht so schnell durchdringen. Es ist also genügend Zeit, und die Laser-Methode wirkt rasch und nachhaltig.

mymed: Ist die neue Laser-Methode die einzige Möglichkeit, um eine Parodontitis zu therapieren?

Ulm: Sie ist nicht die einzige Methode, denn man kann Parodontitis auch mit konventionellen Methoden bekämpfen, doch diese sind aufwendiger und langwieriger. In dem speziellen Zustand der Schwangerschaft ist die Laserbehandlung jedoch die rascheste und wirksamste Methode, da sie die Keime vollständig und nachhaltig abtötet.

mymed: Herr Professor, wir danken für das Gespräch!



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