Expertenstreit um Frauenpensionsalter

19. März 2002, 08:47
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Deutscher Berater Rürup: Antrittsalter anheben - Wirtschaftsforscherin Mayrhuber: Kinderbetreuungszeiten besser anrechnen

Wien - Bert Rürup kann es kaum schnell genug gehen. "Zügig" müsse das Pensionsalter der Frauen an jenes der Männer angeglichen werden, meinte der deutsche Pensionsexperte, der einst die rot-schwarze Koalition für ihre Pensionsreform beraten hatte, im "Mittagsjournal": "Bis 2010 muss die Angleichung über die Bühne sein."

Christine Mayrhuber hingegen, Wirtschaftsforscherin am Wifo und Mitglied der Pensionsreformkommission des Sozialministeriums, teilt den Enthusiasmus des männlichen Kollegen bezüglich der Anhebung des Pensionsalters nicht. Zweifelt sie doch im STANDARD-Gespräch massiv an, dass eine Anhebung des Frauenpensionsalters auch dazu führen werde, dass Frauen länger arbeiten: "Es ist kein Automatismus, dass nach einer Anhebung des Pensionsalters alle Jobs haben." Schon derzeit sei vorzeitige Alterspension (nach längerer Arbeitslosigkeit im Alter) eine Spezialpensionsform, auf die "Frauen zurückgreifen müssen. Diese Pensionsform wird zu 90 Prozent von Frauen in Anspruch genommen."

Ältere Frauen haben derzeit am Arbeitsmarkt wenig Chancen, das könne sich erst ändern, wenn der prognostizierte Arbeitskräftemangel in etlichen Jahren wirklich eintrete. Zudem sei das Pensionsalter von Männern zwar gesetzlich um fünf Jahre höher, de facto gingen Männer aber nur eineinhalb Jahre später in den Ruhestand als Frauen.

Viel wichtiger als eine gesetzliche Anhebung des Frauenpensionsalters ist Mayrhuber, einerseits mit Kinderbetreuungseinrichtungen Möglichkeiten für Frauenerwerbstätigkeit zu schaffen, andererseits die derzeit sehr niederen Pensionen von Frauen (derzeit haben die Hälfte nicht mehr als 580 Euro Pension) anzuheben. Sie plädiert dafür, Kinderbetreuungszeiten stärker für die Pension anzurechnen. Derzeit werden maximal vier Jahre angerechnet, Mayrhuber schlägt vor, das zu verlängern: "Das könnte man an die Schul- zeit koppeln - also entweder bis zum 6. Lebensjahr des Kindes oder bis zum Ende der Volksschulzeit."

Diese Anrechnung soll auch dann erfolgen, wenn Frauen nach einer Babypause wieder teilzeit arbeiten - in Form eines Zuschlags, der dann die Pensionszahlung erhöht. Mayrhuber schlägt dafür ein Viertel des Bruttogehaltes vor. Wie das finanziert werden soll? - Mayrhuber kann sich dafür eine Erhöhung des Bundesbetrages vorstellen: "Schon bisher werden durch den Bundesbeitrag gewisse Ersatzzeiten abgedeckt." (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 19.3.2002)

Eva Linsinger
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