Wagt er es oder wagt er es nicht?

20. März 2002, 12:35
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Rückblick auf die Polemik zur Frage, ob Berlusconi den Pariser Buchsalon eröffnet oder nicht

Paris - Kommt er oder kommt er nicht? Diese Frage beunruhigte schon seit Wochen die französische Verlagswelt, die voller Sorge auf den am 22. März beginnenden Pariser Buchsalon blickte, auf dem Italien Ehrengast ist. Die mögliche Eröffnung des fast einwöchigen "Salon du livre" durch den italienischen Regierungschef Silvio Berlusconi war höchst umstritten. "Wir wollen Berlusconi und seine Freunde nicht empfangen. Er ist dabei, im kulturellen und künstlerischen Milieu Säuberungsaktionen vorzunehmen, auf die wir reagieren müssen", erklärte die Leitung des großen Verlagshauses Fayard vor Wochen und schloss sich damit dem grossen Lager der Berlusconi-Gegner an.

Französische Kulturministerin Tasca brachte Stein ins Rollen

Den Stein ins Rollen hatte die französische Kulturministerin Catherine Tasca gebracht. Mitte Jänner ließ sie in einem Interview wissen, dass sie über die Kulturpolitik Berlusconis sehr beunruhigt sei und ein anderes Gastland bevorzugt hätte. "Ich wäre bei der Eröffnung des diesjährigen Buchsalons lieber nicht dabei. Ich bin aus diplomatischen Gründen jedoch gezwungen. Ich kenne die Positionen von Berlusconi in den Bereichen künstlerische Kreation und kulturelle Vielfalt", erklärte die Sozialistin.

Gelassenheit bei Italiens Regierungschef

Die Offenheit und Kritikfreudigkeit Tascas löste im französischen Außenministerium höchste Alarmstufe aus. Berlusconi fuhr jedoch kein scharfes Geschütz auf, sondern reagierte erstaunlich gelassen. "Catherine wer?", soll er nur gefragt haben, als er von diesen missbilligenden Äußerungen erfuhr. Doch so unbekannt kann Berlusconi der Familienname der französischen Kulturministerin gar nicht sein. Immerhin war ihr Vater Angelo Tasca einer der Mitbegründer der kommunistischen Partei Italiens.

Der Streit der verschiedenen Lager

Aus dem Gefecht zwischen "Tascafiore" und "Il Cavaliere" hatte sich im Laufe der Zeit ein Kampf zwischen dem Anti- und Pro-Berlusconi-Lager entwickelt. "Im Sinne von Freundschaft und Solidarität mit Herrn Berlusconi sind wir bereit, die italienischen Politiker, vor allem Herrn Berlusconi zu empfangen", verkündete die französische Vereinigung für das Verlagswesen wohl etwas zu voreilig. Einige der großen Verleger schrieben nämlich daraufhin in der Tageszeitung "Le Monde": "Nicht alle französischen Verleger empfinden Freundschaft und Solidarität für Herrn Berlusconi und den postfaschistischen Teil seiner Regierung".

Auch italienische Verleger und AutorInnen waren nicht auf einer Linie

Die italienischen Verleger hingegen schienen mit der Präsenz von Berlusconi auf dem 22. Buchsalon keine Schwierigkeiten zu haben und meinte: "Wir wissen nicht, ob er kommen wird, doch wir hoffen es. Man darf Politik nicht mit Verlagswesen und Kultur verwechseln". Dieser Meinung scheint allerdings nur ein Teil der 60 eingeladenen italienischen Schriftsteller zu sein. Vincenzo Consolo zieht es deshalb vor, auf eigene Kosten anzureisen. "Ich will nicht von der italienischen Regierung eingeladen werden. Es kann keine Kultur ohne Demokratie und keine Demokratie ohne Kultur geben", meinte er bereits im Vorfeld.

Offizielle Absage gab es nie

Consolo ist nicht der einzige Schriftsteller, der auf Distanz zur italienischen Regierung geht. Andrea Camilleri, einer der beliebtesten Autoren des Landes, will ebenfalls auf eigene Kosten kommen, um "eventuelle unangenehme Begegnungen zu vermeiden". Die Frage, ob Silvio Berlusconi den "Salon du livre" nun zusammen mit dem französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac und Catherine Tasca eröffnen wird, ist aber nun endlich geklärt: Die französische Kulturministerin Tasca wird die Zeremonie gemeinsam mit dem italienischen Unterstaatssekretär durchführen. - Ob damit auch der Pariser Buchsalon frei sein wird von Kritiken an Berlusconis Kulturpolitik, ist eine andere Frage. (red/APA/dpa)

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