Historiker Hobsbawm: USA wollen die Weltherrschaft

18. März 2002, 10:33
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Es gebe "keinen vernünftigen Grund, sich bei einem Krieg gegen den Irak auf Seiten der Amerikaner zu engagieren"

Hamburg - Der britische Historiker Eric Hobsbawm (84) hat massive Kritik an den USA geübt. "Man muss sich wirklich über die gegenwärtige amerikanische Politik sorgen, weil die Bush-Regierung offensichtlich keine langfristigen Pläne hat", sagte der renommierte Wissenschaftler in einem Interview des Hamburger Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" und warf der Bush-Administration vor: "So wie sie agiert, wirft sie brennende Streichhölzer auf die gesamte Region zwischen dem Nil und der chinesischen Grenze - wo eine Menge Sprengstoff liegt." Den USA gehe es nicht primär um die Sicherung der Rohstoffe, sondern sie wollen nach Ansicht Hobsbawms "die Weltherrschaft. Seit dem Zweiten Weltkrieg haben sie dieses Ziel verfolgt."

"Achse des Bösen" sei "lächerlich"

Die offizielle Darstellung Washingtons von der "Achse des Bösen" mit den Ländern Nordkorea, Irak und Iran als Bedrohung der Vereinigten Staaten sei "lächerlich". Niemand in Washington mache sich ernsthaft hierüber Sorgen, meinte Hobsbawm. Auch der Islam sei keine Gefahr für Amerika, "weil er ein Phänomen der Dritten Welt ist und die USA jedes Land in der Dritten Welt mit ihren Bomben zerstören können." Das wirkliche Problem der US-Außenpolitik sei Israel. Auch hier zeige sich der Primat der Innenpolitik in Gestalt der mächtigen Israel-Lobby in den USA. Aber sie stehe gegen das nationale Interesse der USA, sich aus energiepolitischen Erwägungen mit den arabischen Staaten gut zu stellen. "Nun wollen die USA den Irak angreifen, und Israel ist dabei der einzige Verbündete", meinte Hobsbawm.

NATO habe "hoffentlich ausgedient"

Nach seiner Ansicht gibt es für die Europäer "keinen vernünftigen Grund, sich bei einem Krieg gegen den Irak auf Seiten der Amerikaner zu engagieren. Es gebe keine große Gefahr, die mit dem Sturz Saddams überwunden würde. "Aber wenn er gestürzt würde, könnte die gesamte Region in Chaos und Krieg versinken." Auf die Frage, ob dadurch nicht die transatlantische Freundschaft in die Brüche gehen könne, meinte der Historiker, die Idee einer familiären Beziehung Europas mit den USA sei ein Überbleibsel des Kalten Krieges, "und den Kalten Krieg gibt es nicht mehr". Die NATO habe hoffentlich ausgedient. "Sie hat ohnehin keine Funktion mehr seit dem Ende des Kalten Krieges." Der Krieg in Afghanistan habe ebenfalls gezeigt, dass sie nutzlos ist. "Nicht einmal die Amerikaner brauchen die NATO mehr."(APA/dpa)

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