Deutsche Autorin Luise Rinser gestorben

18. März 2002, 12:55
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Die Erfolgsautorin mit politischem Gewissen, die 1984 für das Amt des deutschen Bundespräsidenten kandidierte, starb an Herzversagen

Rom - Luise Rinser war eine der erfolgreichsten deutschen Autorinnen der Nachkriegsliteratur. Ihre Bücher wurden in 24 Sprachen übersetzt, mehr als fünf Millionen Exemplare verkauft. Zu ihren bekanntesten Werken gehören "Mitte des Lebens" (1950) und "Abaelards Liebe" (1991). Für Leser in aller Welt war sie ein Synonym für Engagement und Tatendrang. Seit 1965 hatte die Deutsche viele Jahre in ihrem Haus in Rocca di Papa bei Rom gelebt. Am Sonntag starb sie knapp einen Monat vor ihrem 91. Geburtstag in einem Stift in Unterhaching.

Im NS-Regime quittierte sie aus politischen Gründen den Dienst

Rinser, am 30. April 1911 als Tochter eines Lehrers im oberbayerischen Pitzling geboren, begann 1935 in Ohlstadt bei Garmisch als Volksschullehrerin. 1939 musste sie den Dienst jedoch quittieren, da sie weder in die NSDAP noch in eine andere NS- Formation eintreten wollte. Nach ersten Veröffentlichungen wurde sie 1944 wegen Hochverrats und Wehrkraftzersetzung verhaftet und kam ins Frauengefängnis von Traunstein.

Erzählerin zwischen Lob und Verriss

Nach dem Krieg avancierte Rinser zu einer der markantesten Erzählerinnen. Sie erlebte hohes Lob und schwere Verrisse. Zu ihren auflagenstärksten Romanen gehören "Daniela" (1952), "Der Sündenbock" (1955) und "Mirjam" (1983). Ab 1970 veröffentlichte sie vermehrt autobiografische Aufzeichnungen, Reiseberichte und Anklageschriften. In Rinsers Romanen und Erzählungen werden meist Frauen- oder Mädchenschicksale dargestellt. Besonders oft geht es dabei um eine christlich begründete Suche nach dem Sinn des Lebens und nach gültigen Moralgesetzen.

Politische Weggefährtin Willy Brandts und Kandidatin für die Grünen

1984 wurde die politische Weggefährtin von Willy Brandt von den Grünen als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten nominiert. Als kritische und couragierte Persönlichkeit war sie nicht unumstritten, wurde als Sympathisantin des Terrorismus diffamiert und stieß wegen ihrer Verehrung für den nordkoreanischen Diktator Kim Il Sung auf Unverständnis. Abfällig bezeichneten sie einige als "katholische Schriftstellerin", andere als Feministin. Eine besondere Leidenschaft hegte die Autorin, die mit dem Komponisten Carl Orff verheiratet war, für Musik, Philosophie und Religionen.

Aufsehenerregender Briefwechsel mit dem Theologen Karl Rahner

Noch mit über 80 Jahren reiste Rinser in den Himalaya, um den Dalai Lama zu besuchen. Aufsehen erregten ihre 1994 unter dem Titel "Gratwanderung. Briefe der Freundschaft an Karl Rahner" veröffentlichten Schreiben an den Theologen. Der Jesuitenorden hatte eine Veröffentlichung der privaten Korrespondenz wegen befürchteter "Missverständnisse" abgelehnt. (APA/dpa)

Weitere Bücher von Luise Rinser unter derstandard.at/buchshop
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