Insekten statt Pflanzengifte

17. März 2002, 23:09
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Anders als spanische pfeifen Wiener Gemüsegärtner auf Pestizide

Wien - Im Glashaus unter den Plastikplanen, wo die Gurken blühen, ist es heiß. Tropisch, fast wie im Palmenhaus oder im Winterurlaub auf Kuba, wenn man es mit der windigen Kühle unter dem freien Donaustädter Himmel vergleicht. 23 Grad bei Tag, 21 bei Nacht braucht die Gurke, um bis April zur Frucht zu werden, erläutert Gemüsegärtner Franz Ganger inmitten von Grün. Unter seinen Füßen Plastik, links und rechts Gurkenstauden in Reih und Glied, mannshoch und mit braunen Schnüren am Glasdach hochgebunden. "Eine Heidenarbeit, jedes Mal, wenn die Pflanze ein Stück gewachsen ist, muss nachgebunden werden", sagt Ganger und wischt sich Schweiß von der Stirn.

Derselbe Job, von Nichtösterreichern durchgeführt, "weil Einheimische arbeiten heutzutage freiwillig bei keinem Gärtner mehr", sei bei der Paprikaproduktion noch viel mühsamer, ergänzt Gemüsebäuerin Maria Ganger. Weil diese Pflanzen niedriger sind, man sich öfter bücken muss.

Sonst gleichen einander die Umstände: schwüle, vom Computer gesteuerte Wärme, soldatische Ordnung. Jede Pflanze wurzelt in einem kleinen Plastiktopf, der auf durchlässiger Folie steht, darunter Erde. Später im Jahr werden auch die Paradeiser so produziert. Nur im Salatglashaus ist es anders: Bei kühlen acht Grad klappern dort die geöffneten Glasfenster im Wind, während die Chefs in einem Meer aus werdendem Häuptlsalat posieren.

Mehr als 200 Gärtner

"Integrierte Produktion" nennt sich diese auf viel Ertrag bei geringem Pestizideinsatz ausgerichtete Produktionsmethode. Für die über 200 konventionell anbauenden Gemüsegärtner in Wien und Umgebung ist sie state-of-the-art. "Wir arbeiten mit Nützlingen", erklärt Bernhard Pottmann von der gleichnamigen Gartenbauberatung.

Eingesetzt, so Pottmann, würden zum Beispiel Raubmilben, die sich von Blattläusen ernähren - ein Versuch, sich statt vieler Gifte der Nahrungsketten der Insekten zu bedienen. Die Sache funktioniere, weil die Schädlingskulturen im Mitteleuropa aufgrund der kalten Winter leichter unter Kontrolle zu halten seien als etwa in Spanien.

Die so erzielten Erträge sind hoch. 800.000 Stück Gärtnergurken verlassen jährlich allein die Gangerschen Glasverschläge. In ganz Wien, dem Gemüseanbauzentrum Österreichs, sind es pro Jahr 35 Millionen, rechnet Karl Herret von der Vermarktungsvereinigung LGV-Frischgemüse Wien zusammen.

Es sind Gurken, die "möglichst gerade gewachsen" sein sollten, wie es die EU-Bestimmungen verlangen. Obwohl: "Am besten schmeckt Ragout aus jungen, krummen Gurken, verrät Maria Ganger. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.3.2002)

Von Irene Brickner
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