"Globalgeld" für arme Staaten

17. März 2002, 22:06
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Ein Denkanstoß zur beginnenden ersten UNO-Konferenz zu den Themen Armuts-bekämpfung und Entwicklungs-finanzierung in Monterrey, Mexiko - Ein Kommentar der Anderen von Joseph E. Stiglitz

Wenn Kriege, wie Clemenceau einmal meinte, zu wichtig sind, um sie den Generälen zu überlassen, dann ist Entwicklung zu wichtig, um sie Finanzministern, Zentralbankiers, dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank zu überlassen.

Die ab 18. März in Monterrey in Mexiko stattfindende Konferenz über Entwicklungsfinanzierung bietet auch Präsidenten und Premierministern eine hervorragende Gelegenheit, ihre Interessen wahrzunehmen. Die internationale Gemeinschaft hat sich auf eine Reihe bescheidener Ziele für die globale Entwicklung, wie die Bekämpfung der Armut und des Analphabetentums, sowie auf eine Verbesserung der Gesundheitssysteme geeinigt.

Knausrige Reiche

Dazu bedarf es allerdings einer substanziellen Erhöhung der Zuwendungen zu einem Zeitpunkt, da die ohnehin schon dürftigen Hilfsleistungen der reichen Länder noch weiter sinken. Am knausrigsten sind die USA, das reichste Land der Welt.

Solange sich an der Haltung der (wirtschaftlich) bestentwickelten Länder nichts ändert, müssen die Ansätze der Entwicklungsfinanzierung - und der Finanzierung globaler öffentlicher Güter im Allgemeinen - genau überprüft werden. Eine interessante Idee in dieser Hinsicht ist ein den Sonderziehungsrechten (SZR) des IWF ähnliches globales Zahlungsmittel. Die SZR sind ein vom IWF zugeteiltes internationales Reservemedium, das Länder erhalten und das gegen Dollars oder andere harte Währungen eingetauscht werden kann.

Die Idee dahinter ist recht einfach: Länder auf der ganzen Welt bilden jedes Jahr finanzielle Reserven, um gegen Eventualitäten wie abrupt nachlassendes Vertrauen der Kreditgeber oder einen Zusammenbruch der Exportpreise gewappnet zu sein. Aus diesem Grund liegt ein gewisser Anteil des globalen Einkommens herum, statt das damit die von ärmeren Ländern benötigten Investitionen finanziert werden. Die Länder sind darauf bedacht, dass diese enormen Reserven parallel zu möglicherweise gestiegenen Importen und Verbindlichkeiten wachsen.

Erhöhen sich diese Verbindlichkeiten um jährlich zehn Prozent, müssen die Länder zusätzlich 160 Milliarden Dollar an Reserven zurücklegen. Diese werden in verschiedenen Formen wie Gold oder amerikanischen Treasury Bills gehalten. Während die USA von der zunehmenden Nachfrage nach Treasury Bills profitieren (was die Kreditkosten verringert), ergibt sich für die Entwicklungsländer ein Ertrag von lediglich zwei Prozent - also im Prinzip gar nichts. Investitionen im eigenen Land würden viel höhere Erträge einbringen, aber der Verzicht auf diese Investitionen ist der Preis, den Entwicklungsländer für die Absicherung gegen die Fallen des globalen Kapitalismus zahlen.

Anstelle dieser Dollar-Reserven könnte man ein neues globales Zahlungsmittel schaffen, das den Ländern als Reservemedium dienen könnte. Dieses Geld könnte man den Entwicklungsländern zur Finanzierung ihrer Entwicklungsprogramme und für Umweltprojekte, Gesundheitsinitiativen und humanitäre Hilfsleistungen zur Verfügung stellen.

Es bietet sich eine Vielzahl von Institutionen an, die als mögliche Zuteiler dieser "globalen Greenbacks" fungieren könnten. Der IWF (bereits für die Zuteilung der SZR verantwortlich) könnte damit betraut werden. Es könnte aber auch eine neue Institution geschaffen werden, die über Umfang und Zuteilung der Mittel zu entscheiden hätte. Mit einer neu ins Leben gerufenen Institution könnte auch die Schaffung einer Reihe von Treuhandfonds einhergehen, etwa für Bildung, Gesundheit und Umweltschutz. Die einzelnen Länder müssten sich dann um die Finanzierung von Projekten, die der Erreichung dieser Ziele dienen, bewerben. In Ländern, die weniger bekommen als den Betrag, den sie für ihre Reserven benötigen, würde dieses neue "globale Geld" in diese Reserven fließen und somit Dollar freisetzen, die andernfalls gebunden wären.

Länder, die mehr erhalten, als für ihre Reserven nötig wäre, könnten das neue Geld gegen konventionelle Währungen tauschen. Letztlich würde das gesamte neue Geld seinen Weg in die Reserven finden. Ein Land mit Reserven dieses neuen Geldes könnte diese dann gegen harte Währungen tauschen, um den Import von Nahrungsmitteln oder von anderen benötigten Gütern zu finanzieren.

Ein weiterer Vorteil: Aus der Arithmetik des Welthandels ist bekannt, dass die Summe aller Handelsbilanzdefizite der Summe aller Handelsbilanzüberschüsse entspricht. Wenn nun einige Länder wie z. B. Japan und China Jahr für Jahr enorme Überschüsse aufweisen, dann kommt es in anderen Ländern zwangsläufig zu Defiziten. Die Länder mit den Überschüssen sind demnach ebenso schuld an den Defiziten wie Länder, die ein solches aufweisen.

Handelsbilanzdefizite will aber keiner haben und so werden sie ständig weitergereicht. Gelingt es einem Land, sein Defizit loszuwerden, tritt es zwangsläufig woanders auf. Die Unsicherheit darüber, ob diese Defizite finanziert werden können, ist ein Grund, warum die Weltwirtschaft unter den derzeit herrschenden Bedingungen in den letzten Jahren eine Rezession nach der anderen durchmachte.

Kein Allheilmittel

Die Schaffung eines neuen globalen Zahlungsmittels würde diese Unsicherheit verringern. Würde man das Handelsbilanzdefizit eines Entwicklungslandes durch eine Zuwendung dieses neuen Zahlungsmittels ausgleichen, wäre damit die gesamte monetäre Situation des Landes gesichert. Selbstverständlich kann es durch Misswirtschaft auch mit dieser Hilfe zu wirtschaftlichen Problemen kommen - dieser Vorschlag ist auch nicht als Allheilmittel für die Probleme der Welt zu verstehen.

Dieses System wäre auch nicht inflationär. Globale Greenbacks würden die deflationäre Tendenz der heutigen Gegebenheiten ausgleichen, die darin begründet sind, dass ein Teil des in Reserven fließenden Einkommens niemals in gesamtwirtschaftliche Nachfrage umgesetzt wird. Im Verhältnis zum globalen Einkommen von ungefähr 40 Trillionen Dollar wäre das Ausmaß monetären Wachstums vernachlässigbar. Im Verhältnis zu den momentanen Ausgaben für offizielle Entwicklungshilfe und globale öffentliche Güter wären die Summen jedoch enorm.

*Der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaft 2001 lehrt an der Columbia University und war in den 90er-Jahren Leiter des wirtschaftlichen Beraterstabes Bill Clintons sowie Chefökonom und Vizepräsident der Weltbank. © Project Syndicate Prag, 2002 (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.3.2002)

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