"Ungelöstes Problem Balkan-Terrorismus"

18. März 2002, 08:10
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Eine Analyse von Jirí Dienstbier, dem ehemaligen UN-Menschenrechts- beauftragten für Ex-Jugoslawien

George W. Bush nennt den Irak, Iran und Nordkorea die "Achse des Bösen". Über diese Rhetorik kann man geteilter Meinung sein, doch der US-Präsident hatte Recht, als er von versteckten Verbindungen im weltweiten Terrornetz sprach. Ein kleines, aber um so wirkungsvolleres Glied in dieser Kette der Gewalt ist der Balkan-Terrorismus, der auch unter den Augen der Nato und der Vereinten Nationen aktiv ist. Der Prozess gegen Slobodan Milosevic in Den Haag vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien erinnert rechtzeitig an die verheerenden Folgen des internationalen Terrorismus.

Um 1994 etablierte Osama Bin Laden seine Anwesenheit in der Region durch eine Reihe so genannter "humanitärer" Organisationen in Bosnien-Herzegowina und Albanien. Zahlreiche Kämpfer in Bosnien, im Kosovo und in Mazedonien während der Balkan-Kriege waren Mudjahedin aus den verschiedensten Ländern, die in afghanischen Lagern ausgebildet worden waren.

Die lokalen Terrorzellen sind nicht minder wichtig. Auf dem Privatgrundstück des ehemaligen Präsidenten Albaniens, Sali Berisha, in der Nähe von Tropoje wurden Terroristen ausgebildet.

Abgesehen von dieser unmissverständlichen Bereitschaft, den internationalen Terrorismus zu unterstützen, wurde eine wirtschaftliche Infrastruktur aufgebaut. Zwei Tonnen Heroin durchquerten den Kosovo jeden Monat auf dem Weg von Asien nach Europa, als Slobodan Milosevic an der Macht war. Seit dem Fall des Diktators hat der Drogenschmuggel sogar zugenommen. 2001 wurden fünf Tonnen Heroin durch die UNO- und Nato-Protektorate geschmuggelt. Laut Interpol kontrollieren albanische Banden 70 Prozent des illegalen Heroinhandels mit Deutschland, Österreich, Skandinavien und der Schweiz.

Im Kosovo ist es der UN-Übergangsverwaltung (Unmik) gemeinsam mit der internationalen Friedenstruppe unter Nato-Kommando (Kfor) in Zusammenarbeit mit den lokalen Regierungen (vorangetrieben durch die Machtübernahme der demokratischen Regierung in Serbien) gelungen, den Terror in Südserbien und Mazedonien einzudämmen. Nicht gelungen ist die Zerstörung der Allianz zwischen organisierter Kriminalität und Terrorismus. Erhard Busek, Koordinator des Stabilitätspaktes der EU für das ehemalige Jugoslawien, gibt den Friedenschancen in Mazedonien nach Ende des Winters gerade noch 50 Prozent, solange Terroristen ihre mörderischen Aktivitäten durch illegalen Drogenhandel finanzieren.

Erst wenn es UNO und Nato gelingt, die Basis des Terrors im Kosovo zu zerstören, wird auf dem Balkan Ruhe einkehren. Denn der kriminell-terroristische Kern der Befreiungsarmee des Kosovo (U¸CK), die angeblich aufgelöst wurde, dehnt seine Einflusszone weiter nach Mazedonien, Südserbien und Montenegro aus. Einige der etwas weniger vorsichtigen U¸CK-Anführer sprechen sogar von den 100.000 Albanern in Griechenland als dem letztendlichen Ziel ihrer Eingliederungsbestrebungen. Das Ziel "Großalbanien" ist nicht vergessen.

Anstatt die Terroristen zu bekämpfen, sind sie als ein Teil der Lösung behandelt worden. Nato-Generalsekretär Lord Robertson nannte die Terroristen Mazedoniens einen "Haufen von Mordbuben". Diese Mordbuben halten unter den Augen der UN-Übergangsverwaltung oder Kfor in Pristina Pressekonferenzen ab.

Wünsche erfüllt

Einige Staaten sind eifrig bemüht, auf die Wünsche der Terroristen einzugehen. So führte der US-Vertreter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) mit Politikern und Chefs von Terroristen Verhandlungen, und das nicht etwa in Skopje oder Tetovo, sondern in Prizren, wo sie besonders einflussreich sind.

Die internationalen Kräfte im Kosovo wären stark genug, den Balkan vom weltweiten Terrorismus abzukoppeln. Fehlt der Wille? Sie wären in der Lage, die Geldquellen des Terrorismus - Drogen- und Waffenhandel, Prostitution und Schieberwesen - abzudrehen. Doch vorher müssen die internationalen Organisationen, die im Kosovo das Sagen haben, sämtliche Organisationen auflösen, die auf Gewalt setzen.

Bekannte Verbrecher sollten nicht im Parlament des Kosovo sitzen, sondern im Gefängnis, und die Schlimmsten unter ihnen gehören nicht in die Regierung des Kosovo, sondern zusammen mit Milosevic auf die Anklagebank in Den Haag. Aus Angst, die bewaffneten Terroristen herauszufordern, ziehen es die internationalen Organisationen im Kosovo vor, die Terroristen zu beschwichtigen.

Gefahr für Rugova

Frustrierte internationale Administratoren zwangen sogar die albanischen politischen Parteien, sich zu einer Koalition überreden zu lassen. Das wird möglicherweise die Macht des Anfang dieses Monats bestätigten Präsidenten des Kosovo, Ibrahim Rugova, untergraben, während die extremistischen Parteien, die sich aus der Kosovo-Befreiungsarmee U¸CK formten, die Regierung mitbilden.

Der Kosovo ist viel kleiner als Afghanistan. Wenn es der Staatengemeinschaft nicht einmal gelingt, die Terroristen aus der Politik des Kosovo zu beseitigen, was berechtigt zur Hoffnung, der Terrorismus könne anderswo in die Knie gezwungen werden? Jirí Dienstbier war von 1989 bis 1992 Außenminister der damaligen Tschechoslowakei und bis vor kurzem UN-Sonderbevollmächtigter für Menschenrechte im ehemaligen Jugoslawien. (Copyright: Project Syndicate, März 2002; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.8.2002)

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