Alle Bilder münden ins Meer

22. März 2002, 00:22
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Martina Kudláceks Dokumentarfilm- Porträt "In the Mirror of Maya Deren"

Wien - "This is the holy grail of cinema!" Gleich zu Beginn holt Jonas Mekas, Leiter der New Yorker Anthology Film Archives, Filmdosen hervor und gerät in Ekstase. Sie enthalten weitgehend unveröffentlichtes Material der Filmemacherin Maya Deren. Mit nur sechs Arbeiten hat die 1917 in Kiew geborene Künstlerin das US-Avantgarde-Kino mitinitiiert; ihr erster Film, Meshes of the Afternoon (1943), ein Traum, der sich immer tiefer ins Unbewusste gräbt, gilt als einer der einflussreichsten "Underground"-Filme überhaupt.

So weit ein paar Fakten, so weit ein paar Bedingungen des Mythos. In the Mirror of Maya Deren, das Dokumentarfilm-Porträt der Regisseurin Martina Kudlácek, nähert sich der Filmemacherin in einer Art Gratwanderung, auf mehreren Wegen: Sie versteht es, die Aura, das Fiktive an der Figur Derens, die in ihren Arbeiten meist auch vor der Kamera stand, zu erhalten, verliert sich aber nicht in der Huldigung einer autonom agierenden Ausnahmekünstlerin.

Vielmehr dringt sie zu den Grundlagen ihres Werks vor, zeichnet ihre konzentrierte, genaue Arbeitsweise nach und lässt sie vor allem in raren Tonbandaufnahmen auch selbst darüber zu Wort kommen. Die Chronologie gibt dabei das Schaffen selbst vor, und die einzelnen Filme führen unweigerlich zu einstigen Weggefährten wie etwa ihrem ersten Ehemann, dem Regisseur Alexander Hammid/ Hackenschmied - dem Kudlácek schon mit Aimless Walk (1997) ein eigenes Porträt gewidmet hat.

Er war es auch, sagt er in einem der Interviews in In the Mirror of Maya Deren, der den Künstlernamen Maya für sie fand - in der Hindu-Mythologie bedeutet er "Göttin der Illusion". Anekdotisches und Privates, das Derens unverwechselbaren Stil ("ein Hippie der 40er-Jahre") unterstreicht, vereint sich so allmählich mit Aussagen über ihre künstlerischen Strategien, die wiederum an gut gewählten Filmausschnitten "überprüft" werden (können).

Wesentlichen Stellenwert erhält dabei Derens Auseinandersetzung mit modernem Tanz, den ihr die Choreographin Katherina Dunham erstmals nahe brachte, denn die Beschäftigung mit Rhythmus und Bewegung blieb eines der Fundamente ihres Werks. Sie führte die Filmemacherin zuweilen in scheinbar abgelegene Gebiete: So setzte sich Deren intensiv mit dem Voodoo-Kult auseinander, schrieb darüber sogar ein Buch.

Kudlácek integriert diese weniger bekannte Seite schlüssig in das Bild einer Künstlerin, die sich unaufhörlich nach neuen Ausdrucksformen umsah und diese auch an sich selbst erprobte. Auf Interpretationen legt sich In the Mirror nicht fest, sie klingen in den Gesprächen mit dem Filmpublizisten Amos Vogel, dem Filmemacher Stan Brakhage oder Mekas nur an: Man mag es mit der Traumdeutung, mit einer Poetik der Intensitäten halten - Kudlácek begnügt sich mit assoziativen Überschneidungen, fügt oft das Meer als Metapher ein, die gleichsam auf die Vielseitigkeit und Wandelbarkeit Derens verweist.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 3. 2002)

Von
Dominik Kamalzadeh



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